"Taubheit trennt von den Menschen"

Auch für Applaus kennt die Gebärdensprache eine Geste: Helene Eißen-Daub (von rechts), Christiane Neukirch und eine Teilnehmerin des Arbeitskreises klatschen Beifall. Foto: Andrea Hesse


Besuchsdienste bekommen Impulse für die Seelsorge an Hörgeschädigten

„Mit den Augen hören, mit den Händen reden“ – unter dieser Überschrift reisen Christiane Neukirch und Helene Eißen-Daub schon seit Februar durch das Gebiet der hannoverschen Landeskirche. An insgesamt 14 Orten zwischen Stade und Göttingen kommen sie mit Besuchsdienstleiterinnen zusammen, um über Schwierigkeiten und Möglichkeiten der Seelsorge an hörgeschädigten und tauben Menschen zu informieren – ein Mammutprogramm, das beide Seelsorgerinnen mit großer Freude angehen. „Wir sind nach jedem Treffen ganz beschwingt, weil die Resonanz so positiv ist“, erzählt Christiane Neukirch, als sie nach dem neunten der jeweils vierstündigen Arbeitskreise das Gemeindehaus der Kreuzkirche in Lüneburg verlässt.

Christiane Neukirch, landeskirchliche Beauftragte für Gebärdensprachliche Seelsorge, und Helene Eißen-Daub, Referentin für Besuchsdienstarbeit im Haus kirchlicher Dienste, haben einige Zahlen parat, die die Notwendigkeit ihrer Reise durchs Land unterstreichen: Trotz des Einsatzes moderner Medizintechnik leben in Niedersachsen 4.000 bis 6.000 Menschen, die vollständig taub sind. Noch deutlich höher ist die wachsende Zahl der Schwerhörigen; hinzu kommen ertaubte Menschen, die mithilfe von Implantaten etwas hören können. „Auf eine Kirchengemeinde mit rund 2.500 Gemeindegliedern kommen durchschnittlich 300 bis 500 Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung“, erklärt Helene Eißen-Daub.

Auf sich selbst zurückgeworfen
 

Um zu verdeutlichen, was eine Hörschädigung für die Betroffenen bedeutet, hat Christiane Neukirch einen Karton voller Ohrstöpsel mit nach Lüneburg gebracht. Die zehn Teilnehmenden des Arbeitskreises – unter ihnen ist nur ein Mann – machen mit den quietschbunten Stöpseln in den Ohren eine eigentümliche Erfahrung: Beim gemeinsamen Lesen des Psalms 23 fühlen sie sich getrennt von der Gemeinschaft, auf sich selbst zurückgeworfen. „Was wir hören prägt uns weit mehr, als wir glauben“, stellt Christiane Neukirch fest. „Man sagt, dass Blindheit von den Dingen, Taubheit aber von den Menschen trennt.“

Nach kompakten Informationen über die Funktionsweise des Ohrs und mögliche Störungen versuchen sich die Teilnehmenden des Arbeitskreises an der Ergänzung eines Lückentextes – so etwa hören Schwerhörige, erläutert Christiane Neukirch. Mit einiger Heiterkeit verbunden ist die nächste Übung, bei der jeweils zwei Teilnehmende versuchen, einander Sätze von den Lippen abzulesen oder sie aus der Mimik der jeweils anderen zu erschließen. Wie gut das gelingt, hänge auch von den äußeren Bedingungen ab, erklärt Christiane Neukirche: „Es ist gut, wenn Sie Ihrem hörgeschädigten Gesprächspartner frontal gegenüber sitzen, das Licht auf Ihr Gesicht fällt und Sie Augenkontakt halten. Außerdem sollten Sie langsam und deutlich und mit ungefähr gleichbleibender Lautstärke sprechen – eine wechselnde Lautstärke kann für Menschen mit einem Hörgerät sehr unangenehm sein.“

Kein Zugang zur Laut- und Schriftsprache


Einzelnen Teilnehmenden wird während des Arbeitskreises erstmals der Unterschied zwischen gehörlosen und spätertaubten Menschen klar: Gehörlosen fehlt der Zugang zur Lautsprache, da sie gehörlos geboren wurden oder bereits vor dem Abschluss des Spracherwerbs mit etwa sechs Jahren ertaubten. „Sie lernen natürlich lesen und schreiben, aber den Sinn von Texten verstehen sie meist nicht, weil die Grammatik der Laut- und Schriftsprache für sie nicht nachvollziehbar ist“, erklärt Christiane Neukirch. Die Sprache Gehörloser ist die Gebärdensprache; ihr Wortschatz ist oftmals kleiner als der hörender Menschen. Spätertaubte haben den Zugang zur Lautsprache bereits gefunden – sie können vom Mund ablesen und Texte ebenso gut verstehen wie Hörende.

„Mitleid ist bei Ihren Besuchen bei hörgeschädigten Menschen unangebracht“, stellt Helene Eißen-Daub klar; Interesse an der jeweiligen Lebensgeschichte, die mit der Hörschädigung verbunden ist, gehört aber dazu. Und: „Taubheit bringt auch immer etwas Komisches mit sich, weil komische Missverständnisse entstehen“, sagt Christiane Neukirch. Sie ist froh darüber, dass gehörlose Menschen in den vergangenen 20 Jahren zunehmend Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich selbst nicht mehr als behindert wahrnehmen. Folge dieser veränderten Wahrnehmung ist auch die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) als vollwertige Sprache.

„Wenn Sie Unterstützung für Ihre Besuche bei hörgeschädigten Menschen brauchen, wenden Sie sich an uns“, bitten Christiane Neukirch und Helene Eißen-Daub die Teilnehmenden zum Ende des Nachmittags. Und die abschließende kurze Feedback-Runde lässt sie auch diesmal wieder beschwingt die Heimfahrt antreten: „Ich habe unendlich viel gelernt und nehme lauter kleine Puzzleteilchen mit, die ich in meine Arbeit einfügen kann“, sagt eine Teilnehmerin. „Die Verbindung von Theorie und Praxis ist Ihnen wunderbar gelungen“, bedankt sich eine andere.