Das Netz als Sehhilfe für die Kirche

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachgespräches im ZfS mit Dr. Kristin Merle (Mitte). Foto: Andrea Hesse


Fachgespräch mit Dr. Kristin Merle zur Zukunft der Online-Kommunikation

„Es geht darum zu verstehen, dass die digitalisierte Kommunikation ganz selbstverständlicher Bestandteil des Alltags für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft geworden ist. Sie ist nicht ein Ad On zur herkömmlichen Art sich zu verständigen, sondern sie gehört zum Grundrepertoire, mit dem Menschen sich zur Welt und zu sich selbst ins Verhältnis setzen.“ Mit klaren Worten erteilte Dr. Kristin Merle, Pastoralpsychologin und Dozentin für Praktische Theologie, allen grundsätzlichen Kritikern eines kirchlichen Engagements in den digitalen Medien eine Absage. Es gehe nicht um eine Rechtfertigung, warum Kirche jetzt auch noch digital werden solle: „Vielmehr geht es darum, dass man sich in die neuen Formen der Weltgestaltung einpasst, sich so in sie einschreibt und inkulturiert, sie sich anverwandelt. Es geht darum, dass Kirche auch hier Kommunikationspartnerin wird.“ Da die Digitalisierung sich weiter entwickeln werde, auch ohne Kirche, sei es im eigenen Interesse, die Anschlüsse nicht zu verpassen.

„Seelsorge und Beratung im Internet als Herausforderung für Theologie und Kirche“ lautete der Titel des Fachgesprächs, zu dem das Zentrum für Seelsorge eingeladen hatte. Nach einem Impulsreferat von Kristin Merle, die eigens aus Hamburg angereist war, führten die rund 20 Teilnehmenden aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Landeskirche eine angeregte Diskussion zum Thema.

Kulturstiftende Leistung der Technik
 

Um den digitalen Wandel verstehen zu können, müsse man ihn als kulturellen Wandel begreifen, führte Kristin Merle aus. Dies bedeute, dass Erfahrungen, die im Kontext digitaler Kommunikation gemacht werden, auch den Alltag und sein Erleben prägen. „Natürlich haben auch Online-Seelsorge und -beratung Auswirkungen auf das Leben von Ratsuchenden allgemein – Technik vollbringt hier eine kulturstiftende Leistung“, ist Merle überzeugt. Eine Trennung zwischen Lebensvollzügen online und offline entspreche nicht mehr der Erfahrungswirklichkeit  von Menschen.

„Seelsorge im Netz ist wesentlich erst einmal eine Funktion der öffentlichen Kirche und wird als solche wahrgenommen“, stellte die Referentin fest – anders als es das Setting von Seelsorge zunächst nahelege.

„Unter den Bedingungen der medialen Transformationsprozesse wandelt sich die öffentliche Kommunikation von einer sozial selektiven, linearen und einseitigen zu einer partizipativen, netzartigen und interaktiven“, zitierte sie den Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger. Der Medienwandel halte für viele die prinzipielle Möglichkeit bereit, sich an der Aushandlung von Belangen und Verhältnissen zu beteiligen, dies präge die Erwartungshaltung auch gegenüber der Kommunikation der Kirche.

Monopole verlieren ihre Gültigkeit
 

„Die Ratsuchenden treten in die seelsorgliche Interaktion mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Erwartung einer partnerschaftlichen Kommunikationsbeziehung ein“, forderte Christin Merle ihre Zuhörerinnen und Zuhörer auf, mit alten Erwartungen zu brechen. Dies gelte auch für die Online-Beratung, die durch das Netz entmonopolisiert werde: Das Monopol auf Fachwissen habe keine Gültigkeit mehr, da es die Beratung mehr und mehr mit informierten Laien zu tun habe.

„Seelsorge hat sich natürlich auch für die Transformation des Religiösen und der Religion zu interessieren“, führte Kristin Merle weiter aus. Digitale Medien seien der „Transmissionsriemen einer vielfältigen globalisierten religiösen Kultur“, die sich neben der organisierten Religion etabliert habe, ohne die Organisationsform Kirche anzunehmen,  wie der Berliner Religionssoziologe Hubert Knoblauch herausgearbeitet habe. Gütekriterium des Religiösen sei mehr und mehr die Authentizität der eigenen Erfahrung; dies finde in einer zunehmenden Synkretisierung seinen Niederschlag. Von den Kirchen überwiegend als Sinn- und Bedeutungsverlust erlebt, biete diese Entwicklung auch eine Chance: „Das Netz dient dann als Sehhilfe für die Kirche, um gegenwärtige Bedürfnisse und Themen von Menschen zu identifizieren und um ihre Anliegen in der Seelsorge auch im Zusammenhang verstehen zu können.“ Einfacher ausgedrückt: Auch das Netz sei ein Ort der Religion, an dem man lernen könne, was Menschen bewegt.

Von Selbstbestimmung geprägtes Resonanzsystem
 

„Kommunikation im Netz bietet ein historisch einzigartiges, allen zugängliches und von Selbstbestimmung geprägtes Resonanzsystem auch für religiöse Themen und letzte Fragen“, stellte Kristin Merle mit Bezug auf Veröffentlichungen des Psychologen Martin Altmeyer fest – für die Kirchen sei diese Entwicklung allerdings mit der Erfahrung des Kontrollverlustes verbunden. Ungeachtet dieser Erfahrung sei die Online-Seelsorge eine eigenständige Akteurin, mit der sich Menschen im Aufbau ihrer lebensweltlichen Netzwerke in Beziehung setzen können. „Und als solche konstituiert sie Kirchenbindung – unabhängig davon, ob die Gesprächspartnerinnen und -partner Kirchenmitglieder sind oder nicht.“

Dass das Engagement im sogenannten Social Net nicht frei von Fallstricken ist, sparte Kristin Merle ebenfalls nicht aus: „Netzwerke als Sinnzusammenhänge müssen immer situativ erhoben werden, denn sie bestehen nicht etwa aus permanenten Strukturen, die es nur einmal abzubilden gälte. Netzwerke bilden sich über die Kommunikation ständig um, sie können also als variable Sinnzusammenhänge interpretiert werden.“ Erkenntnisse verspricht sich die Theologin aus bundesweiten Netzwerkanalysen, die ihrer Einschätzung nach auch eine Vermutung bestätigen würden: Online-Seelsorge gewinne ihre Relevanz durch multiperspektivische Beziehungen zu anderen Beratungsinstitutionen sowie einzelnen Akteuren. Anders ausgedrückt: Je mehr es der Online-Seelsorge und -beratung gelingt, ihre Kompetenzen auch in andere gesellschaftliche Kommunikationskontexte einfließen zu lassen, und je mehr Wissen aus diesen Kontexten sie in ihre eigene Kommunikation einbezieht, desto mehr Relevanz wird sie entfalten können. 

Sollen Online-Seelsorge und -beratung in allen verfügbaren Medien angeboten werden? Auch mit dieser praxisnahen Frage setzte sich die Referentin auseinander. Ihre klare Antwort: nein. Facebook und Twitter, die auf US-amerikanischen Servern laufen, scheiden ihrer Ansicht nach für kirchliche Angebote mit ihren besonderen Anforderungen an Datenschutz und Verschwiegenheit aus. Dennoch müssten kirchliche Akteure diese Lebenswelt und ihre Logik verstehen, da nicht selten eben daraus Beratungsbedarf erwachse. Denkbar sei auch eine Form der öffentlichen und allgemeinen Seelsorge auf diesen Plattformen, verbunden mit dem Hinweis, dass dies kein Ort für vertrauliche Gespräche ist.

Stärkung des protestantischen Prinzips


Abschließend ging die Referentin auf die Schwierigkeit ein, Ressourcen zu planen und zur Verfügung zu stellen, ohne dass die konkrete Nachfrage planbar oder bewusst steuerbar wäre. Hierzu zitierte sie den Tübinger Erziehungswissenschaftler Marc Weinhardt: Er hält es für entscheidend für die institutionelle Zukunft von Onlineberatung und -seelsorge, wann und wie sich kirchliche und nichtkirchliche Anbieter darüber verständigen, wie sich sowohl kleine Nischenangebote als auch große Trägerstrukturen in einem sinnvollen Verhältnis ergänzen können.

Mit ermutigenden Worten schloss Kristin Merle ihren Impuls im Zentrum für Seelsorge: „Das Netz und darin die Online-Seelsorge bieten für die Volkskirche neue Möglichkeiten, ihre Plausibilität öffentlich zu legitimieren. Wenn’s gut läuft, stärkt Online-Seelsorge das protestantische Prinzip.“ Dass die verfasste Kirche damit so ihre Schwierigkeiten haben dürfte, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich: Alles, was Kirche aus ihrer institutionellen Perspektive heraus an Kommunikation entwickle, passe schlecht zum Netz, stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest. Dort habe ausschließlich die persönliche, nicht aber die institutionelle Kommunikation Erfolg. Dennoch wurden durchaus auch die Chancen, die das Netz bietet, benannt: so etwa das Social Web als Ort der Zivilcourage, an dem sich das Priestertum aller Glaubenden zeigen könne – sofern es gelinge, die „Alltags-Priesterinnen und -Priester“ zu stärken.

Kristin Merle empfahl abschließend eine „rhizom-artige Suchbewegung“ für die Entwicklung und Vernetzung der kirchlichen Online-Kommunikation; darüber hinaus eine sensiblere Religionshermeneutik.