Foto: Andrea Hesse

„Wie eine schöne Streuobstwiese“

Fachtag des ZfS zur Supervision im kirchlichen Feld

Unkonventionell, kundig und mitreißend: Prof. Annegret Böhmer in ihrem Vortrag. Foto: Andrea Hesse

Als ersten Vorläufer der Leitungsberatung und damit auch der Supervision und des Coachings machte Prof. Annegret Böhmer unter Verweis auf den Sprach- und Literaturwissenschaftler Haiko Wandhoff das Hofnarrentum aus: Bis ins Mittelalter lasse sich damit die Spur der institutionalisierten Beratung von Leitungskräften zurückverfolgen, stellte sie fest.

Mit dieser überraschenden und heiteren Einsicht eröffnete die Professorin für Psychologie an der Evangelischen Hochschule in Berlin ihren Impulsvortrag zum Fachtag „Supervision im kirchlichen Kontext“ des Zentrums für Seelsorge in Hannover. Rund 60 Teilnehmende aus den verschiedenen Beratungsfeldern und Fachgesellschaften nahmen teil, kamen miteinander in den Austausch und erfüllten damit die Hoffnung von Petra Eickhoff-Brummer: Die landeskirchliche Beauftragte für die Koordination der Supervision hatte den Fachtag mit dem Wunsch organisiert, für die verschiedenen Arbeitsfelder und psychologischen Schulen ein übergreifendes Forum zu schaffen.

In ihrem Rückblick auf die Vergangenheit der Supervision im kirchlichen Kontext seit dem 19. Jahrhundert stellte Annegret Böhmer einen Paradigmenwechsel seit den 1970er Jahren fest: „Aus der beratenden Kirche wurde mehr und mehr die beratene Kirche.“ In der Folge habe sich pastoralpsychologische Kompetenz zu einem Qualitätsmerkmal im Pfarrberuf entwickelt. Spätestens seit dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ im Jahr 2006 seien Supervision, Gemeindeberatung und Coaching dann auch als Instrumente zur strukturellen Veränderung der Organisation Kirche gesehen worden. Lösungs- und ressourcenorientierte Beratungsformate, die sich mit der sogenannten Systemischen Wende in den 1990er Jahren durchgesetzt hatten, wurden von der Kirche allerdings mit rund 20-jähriger Verzögerung aufgegriffen, so Annegret Böhmer: Erst seit kurzer Zeit stehen kirchlich anerkannte Ausbildungen in Systemischer Seelsorge zur Verfügung.

In Form eines Playback-Theaters spitzte eine Gruppe aus der Schule für Tanz und Theater in Hannover gekonnt Beratungssituationen zu. Foto: Andrea Hesse

Die Frage einer inhaltlichen Abgrenzung der Supervision vom Coaching hängte Annegret Böhmer bewusst niedrig auf: „Coaching“ habe zwar einen anderen Geruch und Geschmack als „Supervision“, sei noch stärker zielorientiert und verkaufe sich gerne als ein Format für Gewinner, die Grundanforderungen an Supervisor*innen und Coaches seien aber die gleichen, ihre Ausbildung baue auf derselben Basis auf und es gebe eine große Schnittmenge. Wesentlicher Wirkfaktor sei immer das Arbeitsbündnis zwischen Berater*in und Klient*in, die „therapeutische Allianz“, nicht das Theoriekonzept. Berater*innen im kirchlichen Feld ermunterte Böhmer zu Offenheit gegenüber dem deutlich populäreren Begriff Coaching: „Wenn Sie überzeugt sind von Ihrem Angebot, warum sollen Sie ihm dann nicht den Namen geben, der alle anspricht?“

„Die heutige kirchliche Beratungslandschaft ist wie eine schöne Streuobstwiese, wie ein reizvoller Beratungsgarten: Er wurde nicht geplant sondern ist gewachsen und alles, was sinnvoll ist, überlebt.“ Angeregt durch dieses sommerliche Bild, dass Annegret Böhmer zum Ende ihres Vortrages entwarf, fasste Petra Eickhoff-Brummer eine „Pflanzentauschbörse“ der psychologischen Schulen und Fachgesellschaften für Supervision und Coaching ins Auge. Welche Bedeutung ein solches Vorhaben für die Zukunft der Kirche entwickeln kann, betonte wiederum Annegret Böhmer: Als eine der wichtigsten Maßnahmen für das Überleben der Kirche formulierte sie die Entwicklung der religiösen Sprachfähigkeit. „Der Markt für alles Spirituelle boomt – wir könnten da so viel, aber wir sagen es nicht“, stellte sie fest. „Wir müssen uns fragen, wie es uns gelingt, das Evangelium in die Sprache des 21. Jahrhunderts zu übersetzen.“

Petra Eickhoff-Brummer, Organisatorin des Fachtages, und ZfS-Direktor Martin Bergau begrüßten die Teilnehmenden. Foto: Andrea Hesse

Insbesondere das boomende Coaching müsse aber auch eingehegt werden, ist die Berliner Psychologieprofessorin überzeugt: „Wir dürfen mit diesem wirksamen Instrument nicht die falschen Ziele anstreben – Kirche muss darauf achten, sich nicht weiter zu irgendeinem Unternehmen zu entwickeln.“ Die ressourcen- und lösungsorientierte Beratungszunft müsse sich die kritische Frage gefallen lassen, ob sie nicht einer neoliberalen gesellschaftlichen Entwicklung zuarbeite, die den Menschen immer mehr zum Arbeitskraftunternehmer werden lasse.   

„Wenn ich persönlich mir etwas wünschen könnte, dann würde die geballte Kraft kirchlicher Kommunikationskompetenz nicht nur zur Verbesserung der Live-Work-Balance kirchlicher Mitarbeiter*innen verwendet und schon gar nicht in Konkurrenzen verschwendet“, schloss Annegret Böhmer ihren Vortrag mit einer sehr persönlichen Anmerkung. „Diese Kompetenz würde gemeinsam intelligent eingesetzt für die Demokratiepädagogik mit allen Altersgruppen und gegen den wachsenden Rechtspopulismus in unserer Gesellschaft und auch in unseren Kirchengemeinden.“ Das Plenum dankte ihr mit großem Applaus.