"Jesus hätte Twitter verachtet"

In Gruppen und im Plenum widmeten sich die Teilnehmenden des ZfS-Fachtages der Seele, der Musik und dem Aushalten der Lücken. Foto: Andrea Hesse


ZfS-Fachtag mit Impulsen von Landesbischof Ralf Meister und Prof. Gunter Kreuz

„Widerhall finden. Vom Klang der Seele“ – so lautete der Titel des Fachtages im Zentrum für Seelsorge, an dem jetzt etwa 60 Mitarbeitende aus verschiedenen Arbeitsfeldern der hannoverschen Landeskirche teilnahmen. Landesbischof Ralf Meister, der sich im ersten Impulsvortrag mit dem Thema auseinandersetzte, sprach jedoch lieber von Echo-Kammern: Dieser Begriff beschreibe genauer als das Wort Widerhall  das, was er sage wolle, stellte er erklärend fest.

Ursprünglich ein Begriff aus der Akustik, sei die Echo-Kammer heute als Filterblase in sozialen Netzwerken in Verruf geraten – zu Recht, so der Landesbischof. Längst habe sie eine fatale Eigendynamik entfaltet und bilde einen bequemen Informationscocon, in dem jeder nur die Informationen erhalte, die zu seinem Weltbild passen. Zu Zeiten Jesu sei der Echo-Raum durch mündliche Überlieferung entstanden und im Dialog entwickelt worden: „Jesus mied die Massen, die großen Städte und suchte die besondere Intimität des Dialogs.“ Jesus, so ist sich Ralf Meister sicher, hätte Kirchentage gehasst und Twitter verachtet: „Er wusste, dass er viele enttäuschen würde.“

Überhöhte Erwartungen an das Leben
 

In Zeiten moderner Echo-Kammern, so Ralf Meister weiter, entstehe neues Leiden durch überhöhte Erwartungen an das Leben: Perfekt soll es sein, groß und optimal genutzt. „Es ist erschreckend, dass wir uns so wenig auf das Kleine einlassen“, übte der Landesbischof Kritik an einer Kirche, die glaube, sich selbst in der Masse, im Circus, erfinden zu können: „Wir erlernen von Jesus den kleinen Glauben, begründet nicht im Zweifel an Gott sondern im Zweifel an uns selbst.“ In heutiger Zeit sei die Antwort auf den Zweifel zunehmend die Formel „Glaube nur an dich selbst“ – was bleibe dann noch, wenn das Leben nicht gelingt?

Mit drei Imperativen schloss Ralf Meister seinen Impuls zum ZfS-Fachtag: „Versuche nicht, die vielen Lücken, die die Veränderung der Kirche hinterlässt, zu füllen – halte die Lücke frei. Habe keine Angst vor den Wunden, die diese Veränderung hinterlässt – sie sind die Identitätsmale Jesu und ebenso unsere eigenen. Sei Zeuge für die Gnade Gottes.“

Plädoyer für das Aushalten der Lücke
 

Im anschließenden Plenumsgespräch fanden sich weitere Stimmen, die für ein Aushalten der Lücke und des Fehlenden plädierten: Die Lücke nach dem Tod eines Menschen halte die Beziehung zu dem Verstorbenen aufrecht, berichtete Bernd Buchholz aus der Praxis einer Lebensberatungsstelle. Er und andere stellten die Frage nach der Relevanz manch kirchlicher Aktivität, die vorwiegend dazu diene, die Lücke zu verdecken. EKD-Referent Ralph Charbonnier regte an, über Kirchenleitung aus der Seelsorge heraus nachzudenken und Gegenworte gegen die Trends zu finden.

Seine Gedanken seien kein Aufruf zum Paradigmenwechsel, wohl aber der Versuch, eine neue Balance zu finden, schloss Ralf Meister. Zu diesem Versuch gehöre auch die geplante Auszeit „Um des Menschen willen“, die sich die hannoversche Landeskirche für das Jahr 2019 verordnen möchte. „Es soll ein Jahr der Freiräume werden und die Ermutigung, manches wegzulassen und manches ganz anders zu machen als bisher“, so der Landesbischof.

Mind the Gap - mit Verve gesungen


Im anschließenden Workshop „sope experience“, zu dem die Musiker Ron und Carry Traub aus Bad Wörishofen die Teilnehmenden des ZfS-Fachtages einluden, wurde dann wiederum die Lücke thematisiert: „Mind the Gap“, beachte die Lücke, lautete der Refrain eines selbst entwickelten und mit Verve gesungenen Liedes. Wie gut dieses gemeinsame Singen ihrer Seele tat, hörten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Abschluss des Fachtages von Dr. Gunter Kreutz, Professor für systematische Musikwissenschaft an der Ossietzky-Universität Oldenburg. Er arbeitet an der Entwicklung eines musikalisch-salutogenetischen Ansatzes und forscht in diesem Zusammenhang über die Wirkung von Musik und Tanz auf Körper, Geist und Seele. Individuelle und soziale Wirkmechanismen seien mittlerweile nachgewiesen, so Professor Kreutz; die positive Wirkung erstrecke sich auf die soziale Interaktion, auf die Immunabwehr, auf das Entstehen von Stress und die exekutiven Funktionen des Gehirns – und das alles ganz ohne Nebenwirkungen, wie der Musikwissenschaftler mehrfach betonte.

„Ich halte das Musik Machen, das Musik Hören und das Tanzen für sehr wirkungsvolle salutogenetische Aktivitäten – auch für Menschen, die in belastenden Berufen arbeiten“, schloss Gunter Kreutz seinen Vortrag. Erfreulicherweise wachse die Zahl der Forschungsvorhaben zu diesem Thema kontinuierlich, dennoch herrsche längst noch keine Klarheit über die verschiedenen Wirkmechanismen.