Radiogottesdienst schmal
Fotot: Andrea Hesse

"Wir Alten wollen mittendrin sein"

Radiogottesdienst thematisiert das Alter

Radiogottesdienst Chor
Pastorin Anita Christians-Albrecht und Henning Scherf mit dem Chor be:sound. Foto: Andrea Hesse

„Bitte bleiben Sie sitzen – auch bei der Lesung“: Die Bitte, die Radiopastor Oliver Vorwald an die Gottesdienstgemeinde in der Kirche des Stephansstiftes in Hannover richtete, war für regelmäßige Gottesdienstbesucherinnen und -besucher etwas ungewöhnlich. Vorwald, Leiter der Hannover-Redaktion der Evangelischen Kirche im NDR, schob die Erklärung jedoch gleich hinterher: „Wenn Sie aufstehen, raschelt das nur und das interessiert unsere Hörerinnen und Hörer nicht.“

Gemeinsam mit einem Team von Technikern, die im Übertragungswagen vor der Kirchentür arbeiteten, zeichnete Oliver Vorwald den Gottesdienst unter dem Titel „Eure Alten sollen Träume haben“ (Joel 3,1b) für das Radio auf; ausgestrahlt wurde er deutschlandweit von verschiedenen Sendern. In mehreren Predigtspots thematisierten Anita Christians-Albrecht, Beauftragte für Altenseelsorge am Zentrum für Seelsorge, und Dr. Henning Scherf, früherer Bremer Bürgermeister und Präsident des Senats, das Thema Alter.

Die Bibel zeichnet ein realistisches Bild

Die Bibel zeichne ein realistisches Bild vom Altwerden, stellte Anita Christians-Albrecht fest: Da seien die Warnung des Predigers vor der verpassten Zeit und dem Verfall von Körper und Geist; zugleich aber auch der Psalm 92 mit seiner Verheißung: „Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein.“ Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung sei die Zeit im Ruhestand geschenkte Zeit: „Omas halten heute länger“, zitierte Anita Christians-Albrecht einen Buchtitel. Dennoch: Natürlich habe die geschenkte Zeit auch Nebenwirkungen, dazu zähle insbesondere die wachsende Zahl von Demenzerkrankungen.

Von Betroffenen werde Demenz nicht nur als Krankheit sondern oft auch als Kränkung empfunden, berichtete Christians-Albrecht aus Seelsorgegesprächen. Henning Scherf hielt dieser Aussage entgegen, dass mehr als 80 Prozent der Demenzerkrankten in ihrer Familie leben und dort im kleinen Rahmen Alltagsaufgaben übernehmen und am Leben teilhaben könnten. „Vor Trostlosigkeit im Alter schützt der Kontakt mit Menschen“, so Scherf – dies gelte insbesondere für den Kontakt zu Kindern. Ginge es nach ihm, würde jede Alteneinrichtung mit einer Kindertagesstätte zusammenarbeiten.

"Wir wollen Aufgaben übernehmen"

„Wir Alten wollen mittendrin sein, wollen teilhaben, wollen Aufgaben übernehmen“, formulierte es der fast 80-jährige Scherf. Hilfreich dabei sei Humor und gemeinsames Lachen – etwa dann, wenn die Katze das Sandwich mit Salatblatt bekomme, die Tochter im Büro aber das von ihrer dementen Mutter liebevoll in eine Brotdose gepackte Katzenfutter entdecke.

Der Radiogottesdienst stieß bei Hörerinnen und Hörern auf gute Resonanz: „Bei mir gingen im Anschluss an die Ausstrahlung noch bis zum Abend Telefonanrufe ein – insgesamt mehr als 50“, berichtet Anita Christians-Albrecht. Die Mehrheit der Anrufenden bedankte sich für die Gestaltung des Gottesdienstes mit dem hannoverschen Chor be:sound, den Organisten Michael Kuhlmann und Arne Hallmann sowie Saxophonist Lukas Bolik. Einige Anrufer hatten auch den Wunsch, sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen und stellten Fragen zu den zitierten Texten.

Radiogottesdienst Scherf
"Vor Trostlosigkeit im Alter schützt der Kontakt zu Menschen": Henning Scherf im Radiogottesdienst in der Kirche des Stephansstiftes. Foto: Andrea Hesse