Einfach war die Aufgabe nicht: Innerhalb von 45 Minuten sollte Ralf Denkers, Lehrsupervisor und einer der frühen Absolventen der KSA-Kurse in Hannover, zurückblicken auf 55 Jahre Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) in der hannoverschen Landeskirche. „Aus Erfahrung gut!?“ – unter dieser Überschrift machte Denkers den Aufschlag zum gleichnamigen Fachtag des Zentrums für Seelsorge und Beratung, mit dem jetzt der 55. KSA-Geburtstag gefeiert wurde.
„Am Anfang war das Unbehagen …“ lautete der Untertitel zu Denkers‘ Vortrag, und schon in seinen ersten Sätzen wurde dieses Unbehagen für die rund 40 Besucher*innen des Fachtages spürbar – in der Erinnerung an das fast 30-minütige Schweigen, das Denkers 1985 gemeinsam mit seiner KSA-Ausbildungsgruppe in der ersten Einheit „Selbsterfahrung“ aushalten musste.
Protestbewegung erfasste auch Kirchen und Theologie
Vor allem aber war da dieses Unbehagen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, geprägt von allgegenwärtiger Leugnung und Verdrängung sowie dem Bemühen, der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, mit Schuld und Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Die erstarkende Protestbewegung ab den späteren 1960er Jahren erfasste schließlich auch die Kirchen und die Theologie, die sich, so Denkers, der Erkenntnis stellen mussten, dass sie den Erwartungen der Menschen nicht mehr gerecht werden konnten. In der Folge begann vor 55 Jahren das zu diesem Zweck gegründete Pastoralklinikum in Hannover mit der Weiterbildung von Theolog*innen – die Klinische, also erfahrungsbasierte, Seelsorgeausbildung nahm ihren Anfang. Erster Leiter der Einrichtung war Hans Christoph Piper; die Praxisanteile der Ausbildung wurden damals wie heute in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) absolviert.
Mit Gründung des Zentrums für Seelsorge und Beratung (ZfSB) in Hannover im Jahr 2014 zog das Pastoralklinikum unter dessen Dach; hier verantwortet Uwe Keller-Denecke seit einigen Jahren die Klinische Seelsorgeausbildung.
"Es geht um die Resonanzfähigkeit"
„Seelsorge [ist] doch immer auf Beziehung, Begegnung, Begleitung angelegt, auf Zuhören und Verstehen: Es geht um die Resonanzfähigkeit“, so Denkers im abschließenden Teil seines Vortrages. Im KSA-Kurs gehe es darum, sich selbst genauer wahrzunehmen – einschließlich aller ungeliebten Anteile. Wer Gefühle wie Trauer, Angst oder Verzweiflung bei sich selbst kenne, sei eher in der Lage, sie auch bei einem Gegenüber wahrzunehmen und Resonanz zu geben – statt das Unangenehme angstvoll zu umgehen und sich nur scheinbar tröstend zu distanzieren.
„Wenn wir Seelsorgende sind, dann sind wir in Beziehung, begleiten und begegnen Menschen, die uns zutrauen, mit ihnen unterwegs zu sein durchs finstere Tal und gemeinsam sitzend am gedeckten Tisch“, schloss Denkers seinen Vortrag. In kleinen Runden tauschten sich die Zuhörer*innen im Anschluss über ihr eigenes Seelsorgelernen aus.