Foto: Andrea Hesse

Am Anfang war das Unbehagen …

ZfSB-Fachtag feierte 55 Jahre Klinische Seelsorgeausbildung

Rückblick auf 55 Jahre KSA in der Landeskirche Hannovers (von links): Ralf Denkers, Dr. Nika Höfler, Andreas Kunze-Harper, Barbara Denkers, Elke Oltmanns-Kück, Uwe Keller-Denecke und Angela Grimm, Direktorin des Zentrums für Seelsorge und Beratung. Foto: Andrea Hesse

Einfach war die Aufgabe nicht: Innerhalb von 45 Minuten sollte Ralf Denkers, Lehrsupervisor und einer der frühen Absolventen der KSA-Kurse in Hannover, zurückblicken auf 55 Jahre Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) in der hannoverschen Landeskirche. „Aus Erfahrung gut!?“ – unter dieser Überschrift machte Denkers den Aufschlag zum gleichnamigen Fachtag des Zentrums für Seelsorge und Beratung, mit dem jetzt der 55. KSA-Geburtstag gefeiert wurde.

„Am Anfang war das Unbehagen …“ lautete der Untertitel zu Denkers‘ Vortrag, und schon in seinen ersten Sätzen wurde dieses Unbehagen für die rund 40 Besucher*innen des Fachtages spürbar – in der Erinnerung an das fast 30-minütige Schweigen, das Denkers 1985 gemeinsam mit seiner KSA-Ausbildungsgruppe in der ersten Einheit „Selbsterfahrung“ aushalten musste.

Protestbewegung erfasste auch Kirchen und Theologie

Vor allem aber war da dieses Unbehagen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, geprägt von allgegenwärtiger Leugnung und Verdrängung sowie dem Bemühen, der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, mit Schuld und Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Die erstarkende Protestbewegung ab den späteren 1960er Jahren erfasste schließlich auch die Kirchen und die Theologie, die sich, so Denkers, der Erkenntnis stellen mussten, dass sie den Erwartungen der Menschen nicht mehr gerecht werden konnten. In der Folge begann vor 55 Jahren das zu diesem Zweck gegründete Pastoralklinikum in Hannover mit der Weiterbildung von Theolog*innen – die Klinische, also erfahrungsbasierte, Seelsorgeausbildung nahm ihren Anfang. Erster Leiter der Einrichtung war Hans Christoph Piper; die Praxisanteile der Ausbildung wurden damals wie heute in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) absolviert.

Mit Gründung des Zentrums für Seelsorge und Beratung (ZfSB) in Hannover im Jahr 2014 zog das Pastoralklinikum unter dessen Dach; hier verantwortet Uwe Keller-Denecke seit einigen Jahren die Klinische Seelsorgeausbildung.

"Es geht um die Resonanzfähigkeit"

„Seelsorge [ist] doch immer auf Beziehung, Begegnung, Begleitung angelegt, auf Zuhören und Verstehen: Es geht um die Resonanzfähigkeit“, so Denkers im abschließenden Teil seines Vortrages. Im KSA-Kurs gehe es darum, sich selbst genauer wahrzunehmen – einschließlich aller ungeliebten Anteile. Wer Gefühle wie Trauer, Angst oder Verzweiflung bei sich selbst kenne, sei eher in der Lage, sie auch bei einem Gegenüber wahrzunehmen und Resonanz zu geben – statt das Unangenehme angstvoll zu umgehen und sich nur scheinbar tröstend zu distanzieren.

„Wenn wir Seelsorgende sind, dann sind wir in Beziehung, begleiten und begegnen Menschen, die uns zutrauen, mit ihnen unterwegs zu sein durchs finstere Tal und gemeinsam sitzend am gedeckten Tisch“, schloss Denkers seinen Vortrag. In kleinen Runden tauschten sich die Zuhörer*innen im Anschluss über ihr eigenes Seelsorgelernen aus.

Auf dem Podium diskutierten Uwe Keller-Denecke (von links), Sabine Habighorst, Jessica Jähnert-Müller, Moderatorin Birte Schoepplenberg, Dr. Nika Höfler und Anja Garbe. Foto: Andrea Hesse

In einem zweiten Input berichtete Pfarrerin Dr. Nika Höfler, Beauftragte der Bayerischen Landeskirche für Spiritual Care, aus ihrer Forschungstätigkeit an der Universität Münster am Lehrstuhl von Prof. Dr. Traugott Roser.

Seelsorge ist heilsam – aber was genau ist es, das da wirkt? Wer entscheidet, was „gut“ ist? Wie lässt sich der Beitrag der Seelsorge nachweisen? Und welche Methoden sind dafür tauglich? Diesen Fragen widmete sich Höfler in ihrer Dissertationsschrift, die 2022 unter dem Titel „Wirksamkeit von Krankenhausseelsorge. Eine qualitative Studie“ erschien.

Spezifikum Vulnerabilitätskompetenz

Als eine der zentralen Grundlagen für die Wirksamkeit von Seelsorge im Gesundheitswesen und als ihr Spezifikum bewertet Höfler die Vulnerabilitätskompetenz: „Wir begegnen uns als vulnerable Menschen.“ Oder, anders ausgedrückt: „Ich habe keine Antworten. Aber ich habe dieselben Fragen wie du! Und wir begegnen uns. Wir halten gemeinsam die Unsicherheit aus. Ich begleite dich! Ich bin da!“

Als Fazit beendete Höfler ihren Vortrag mit einem Satz, der die Seelsorge als unverzichtbaren Bestandteil in Einrichtungen des Gesundheitswesens einbettet: „Seelsorge als wichtige Berufsgruppe mit eigenen Kompetenzen macht ganzheitlich gedachte Spiritual Care erst möglich.“

Im anschließenden Podiumsgespräch hob Jessica Jähnert-Müller, Krankenhausseelsorgerin an der Medizinischen Hochschule Hannover, hervor, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche nachlasse, die Rufe nach Seelsorge in der Klinik jedoch nicht. Von Patient*innen ebenso wie von Mitarbeitenden werde ihr immer wieder signalisiert, wie gut das Gespräch mit der Seelsorgerin tue, wie entlastend es sei. „Wir machen da auch Lobby-Arbeit für die Kirche“, so Jähnert-Müller. Wie das gelinge, betonte Krankenhausseelsorgerin Barbara Denkers aus dem Publikum heraus: „Wir sind die, die bleiben, die da hinrennen, wo keiner sonst hinwill.“

"Wir müssen viele alte Gewohnheiten aufbrechen"

Sabine Habighorst, Referatsleiterin für Spezialseelsorge der EKBO in Berlin, wies darauf hin, dass die abnehmende Zahl von Pfarrpersonen es nötig mache, zukünftig auch andere Berufsgruppen für die Krankenhausseelsorge zu schulen. „Wir müssen weg vom Generalistentum im Pfarramt – wir müssen viele alte Gewohnheiten aufbrechen“, so Habighorst. Anja Garbe, Leiterin des Seelsorgereferates der hannoverschen Landeskirche, erwartet in diesem Zusammenhang Konflikte: „Pastor*innen werden fragen, was dann noch ihr Spezifikum ist. Das wird miteinander ausdifferenziert und ausgefochten werden.“ In der MHH funktioniere es schon ganz gut, stellte Krankenhausseelsorgerin Jähnert-Müller fest, während Ralf Denkers die Befürchtung äußerte, dass der „parlamentarische Weg“ schlicht zu lange dauere.

Uwe Keller-Denecke mahnte Klarheit und Besinnung auf das Wesentliche an: „Seelsorge schafft Gasträume für Menschen – diese Räume dürfen wir nicht mit unserem Gerümpel oder unseren Schmuckstücken füllen.“ Den Rahmen, in dem sich die notwendigen Veränderungen bewegen sollten, steckte schließlich Nika Höfler ab: „Wir haben mit der KSA eine Ausbildung, hinter deren Standards wir in keinem Fall zurück dürfen.“