Foto: Andrea Hesse

Das Unverfügbare als „Trotzmacht des Geistes“

Dialog von Psychoanalyse und Theologie beim Fachtag des ZfSB

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„Der Dialog zwischen Psychoanalyse und Theologie gehört zu uns“ – mit diesen Worten leitete Gert Stührmann, Vorsitzender der Konferenz des Pastoralpsychologischen Dienstes in der hannoverschen Landeskirche, den diesjährigen Fachtag des Zentrums für Seelsorge und Beratung (ZfSB) in Hannover ein. Zuvor hatte Angela Grimm, Direktorin des ZfSB, betont, dass dieser Tag unter einem besonderen Vorzeichen stehe: dem 50-jährigen Bestehen des Pastoralpsychologischen Dienstes (PPD) in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. „Verlässlich begleiten Sie Menschen, die ein Anliegen haben, und ich gratuliere allen Aktiven und Ehemaligen des PPD zu diesem Jubiläum“, so Grimm.

„Das Unverfügbare offen halten“, so der Titel des Fachtages, widmete sich der Wahrnehmung, dass sich das Leben menschlicher Verfügbarkeit entziehe – einmal mehr deutlich geworden in den Erfahrungen von Pandemie und Krieg in Europa. Das Unverfügbare, so Stührmann, stehe als Chiffre für das „Zwischen“ und sei Ausgangspunkt für kreative Wege in eine sinnvolle Zukunft. Der Beziehung zum Unverfügbaren unter schwersten persönlichen Bedingungen widmeten sich in Impulsvorträgen Dr. Herbert Will, Psychoanalytiker und Theologe aus München, und Prof. Dr. Maike Schult, Professorin für Praktische Theologie in Marburg und Literaturwissenschaftlerin.

„Das Unverfügbare muss Gestalt bekommen“

„Das Unverfügbare muss symbolisiert werden, es muss Gestalt bekommen, damit wir damit umgehen können – das gilt auch für die Hoffnung“, erklärte Will. Beispielhaft stellte er einen 1952 veröffentlichten Traum, den Sophie Scholl in der Nacht vor ihrer Hinrichtung geträumt hatte, in den Mittelpunkt: Vor dem Sturz in die Schwärze einer bodenlosen Erdspalte war es ihr in diesem Traum noch gelungen, das Kind, das sie in den Armen trug, wohlbehalten auf der gegenüberliegenden Seite der Spalte abzulegen. Dieses Kind sei die Verkörperung der Idee von Freiheit, die sich trotz aller Hindernisse durchsetzen werde, so Will. „Die Symbolisierungen im Traum machen das Unverfügbare verfügbar und halten es gleichzeitig offen – wir können froh sein, wenn wir das Unverfügbare wenigstens teilweise zu fassen bekommen als das, was uns unbedingt angeht.“ Mit dem Hinweis auf den bekannten Satz des Theologen Paul Tillich, Religion sei das, „was uns unbedingt angeht“, schloss Will den Bogen zwischen Psychoanalyse und Theologie.

Prof. Dr. Maike Schult ging in ihrem anschließenden Impuls der Frage nach, aus welchen Ressourcen sich (Über-)Leben in scheinbar auswegloser Situation speise. Sie rückte den Wiener Psychiater Viktor Frankl in den Blick, der mehrere Konzentrationslager dank der „Trotzmacht des Geistes“ überlebte. „Das seelische Überleben im Arbeitslager wurde möglich durch diese ‚Trotzmacht‘, die Frankl dabei half, sich über die Ereignisse zu stellen“, so Schult. Die Distanzierung vom Unerträglichen habe es ihm erlaubt, sich innerlich einen Raum für die eigene Entscheidung zu erhalten und Subjekt zu bleiben – ein schöpferischer Akt, der der Situation eine neue Deutung gegeben und das Überleben ermöglicht habe. Anders und doch parallel habe Sophie Scholl ihr Leben im Sinne von Lebenszeit nicht retten können, habe sich aber die Freiheit erhalten, über den Sinn ihres Lebens selbst zu bestimmen. Frankl und Scholl sei gemeinsam, dass sie die Unantastbarkeit ihrer Würde bewahrten.

„Trutzmacht gegen den Zeitgeist“

Schult benannte in ihrem Impuls das Unverfügbare, als dessen Grundbedingungen der Theologe Rudolf Bultmann unter anderem Gott, Glaube und Liebe erkannte, als „Trutzmacht gegen den Zeitgeist“, die sich auch dem Anspruch totalitärer Staaten entziehe. Allerdings trete Gott als Unverfügbares im Zeitalter neoliberalen Denkens gegenüber dem Individuum immer stärker in den Hintergrund. Dem könne der Gedanke der Unverlierbarkeit der Gotteskindschaft etwas entgegensetzen; hier liege eine Aufgabe sowohl der Seelsorge als auch des Religionsunterrichtes.

Mit Blick auf das Unverfügbare stellte der hannoversche Dramaturg Martin Mutschler im anschließenden Podiumsgespräch Gemeinsamkeiten von Theater und Religion fest: Beide wirkten sinnstiftend, ließen sich aber nie vollständig erfassen. Theater und Kirche arbeiteten gleichermaßen an der Schaffung kollektiver Erfahrungsräume, in denen Menschen sich als Teil der Gemeinschaft erleben und den „sozialen Abgleich“ ihrer individuellen Erfahrungen vollziehen könnten. Während der Corona-Pandemie sei das Fehlen solcher Möglichkeiten den Menschen vielfach schmerzhaft bewusst geworden.

„Die Ratlosigkeit dieser Zeit halten wir nur gemeinsam aus“

Die Möglichkeit der Verständigung im Subtext aufgrund eines gemeinsam erlebten Kulturraumes werde auch aufgrund der zunehmenden Digitalisierung schwieriger, stellte Maike Schult fest; überschaubare erlebte Gemeinschaften würden zunehmend durch Blasen ersetzt. Herbert Will schloss die Frage an, wie sich die starke Betonung der Individualität zukünftig mit Räumen kollektiven Erlebens zusammenbringen lasse. Mit Blick auf den Zukunftsprozess „#Kirche2030“ der Landeskirche betonte Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Leiter des Prozesses, die Notwendigkeit einer breiten Beteiligung: „Sonst finden wir zu schnell Lösungen. Die Ratlosigkeit dieser Zeit können wir nur gemeinsam aushalten.“

Stimmen aus dem Publikum äußerten den Wunsch nach einer genaueren Betrachtung der Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft, auch den Blick auf verbindende kollektive Erfahrungen über die Generationen hinweg. Mit kleinen Samenbomben als Dankeschön verabschiedete Gert Stührmann schließlich die Beteiligten des Fachtages: „Wir wissen nicht, was dabei herauskommt – auch das ist in gewisser Weise unverfügbar.“