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Foto: Andrea Hesse

„Unter einem Deckel aus Beton“

Nachricht 19. September 2019

Tagung beschäftigt sich mit Hilfen für Kriegskinder im Alter

Prof. Dr. Hartmut Radebold begründete die Forschung zum Thema Kriegskinder. Foto: Andrea Hesse

„Es ist das Verdienst von Professor Hartmut Radebold, dass die Generation der Kriegskinder, also derjenigen, die den 2. Weltkrieg als Kinder oder Jugendliche erlebt haben, von Forschung und Öffentlichkeit in den Blick genommen wurde“, sagt Anita Christians-Albrecht vom Zentrum für Seelsorge. Gemeinsam mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen (EEB), der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB) und der Hanns-Lilje-Stiftung hatte die landeskirchliche Beauftragte für Altenseelsorge zu einer Tagung über Hilfen für Kriegskinder eingeladen und konnte Radebold als Hauptredner und Impulsgeber begrüßen.

Aufbauend auf der von ihm maßgeblich formulierten These, dass Menschen auch im hohen Alter mit einer Psychotherapie geholfen werden könne, entwickelte der Mediziner, Psychiater und Psychoanalytiker Hartmut Radebold seine Forschungen zum Alter und zu den Kriegskindern. Viele von ihnen hätten als Kinder und Jugendliche im Krieg wiederholt schwer traumatisierende Erfahrungen gemacht – Bombenangriffe und Evakuierungen, Erschießungen, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung, den Verlust von Angehörigen, fehlende Väter, verstummte Mütter und schließlich das Aufwachsen als Flüchtlingskind in einer fremden bis feindseligen Umgebung. Geschätzt nur etwa 40 Prozent der Menschen dieser Generation, so Radebold, hätten den Krieg ohne oder mit nur geringen psychischen Beschädigungen überstanden.

Über den Krieg wurde nicht gesprochen

Nachdem sich seit Mitte der 1950er Jahre die Meinung durchgesetzt hatte, dass der Krieg keine bleibenden Spuren in den Menschen hinterlassen habe, sei das Thema in der Öffentlichkeit abgehakt worden, stellte Radebold fest: „Ab dann wollte keiner mehr Geschichten aus dem Krieg hören.“ Noch stärker als im Westen sei diese Form der Verdrängung in der damaligen DDR praktiziert worden.

„Die Erfahrungen der Kriegskinder wurden unter einem Deckel aus schwerem Beton verwahrt“, stellte Radebold fest – doch irgendwann brachen sie sich Bahn. In seiner psychotherapeutischen Praxis in Kassel hörte Radebold von Menschen über 60, insbesondere von Männern, ihre Kriegserlebnisse, die sie in den Jahrzehnten zuvor nie mit anderen geteilt hatten: „In 80 Prozent der deutschen Familien wurde über den Krieg nicht gesprochen.“

Als Spätfolgen der verdrängten oder vom eigenen Ich abgespaltenen Kriegserlebnisse diagnostizierte Radebold Ängste und Depressionen, Identitäts- und Beziehungsstörungen, psychosomatische Auffälligkeiten, eine eingeschränkte Alltagsbewältigung und damit einhergehend eine eingeschränkte Lebensqualität. Weit verbreitet in der Generation der Kriegskinder seien auch sogenannte ich-syntone Verhaltensweisen: große Sparsamkeit, Angepasstheit, eine hohe Funktionsbereitschaft, fehlende Rücksichtnahme auf sich selbst.

„Diese Symptome sollten Anlass sein, zu fragen, zu forschen“, appellierte der Altersforscher an die nachfolgende Generation. Anlässe dazu gebe es zahlreich in Familien, Altersheimen und Kliniken, wo die alt gewordenen Kriegskinder durch Retraumatisierung oder eine Trauma-Reaktivierung in den Krieg zurückgeworfen werden. Eine Psychotherapie sei eine Möglichkeit der Hilfe – für alte Menschen ebenso wie für jüngere.

Transgenerationale Weitergabe von Kriegstraumata

Die transgenerationale Weitergabe von Kriegstraumata werde nicht bei den Kriegskindern enden, vermutet Radebold: Es gebe Anzeichen dafür, dass auch die Kriegsenkel, geboren zwischen 1955 und 1975, durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt wurden. Ihnen, so zeigen erste Untersuchungen, fehlte es in der Kindheit materiell oft an nichts und sie genossen zunehmende Freiheit. Gleichzeitig mussten sie im Verhältnis zu den Eltern oft auf gefühlsmäßige Nähe verzichten, nahmen stattdessen emotionale Distanz wahr. Und, so sagen es erste Befragungen, die Kriegsenkel stießen mit ihren Sorgen und Problemen bei den Eltern oft auf wenig Interesse, schienen ihre Nöte im Vergleich mit dem im Krieg erlebten Grauen doch immer ziemlich unbedeutend.

„Möglicherweise sind mehr Traumatisierungen an die Kriegsenkel weitergegeben worden, als wir bisher geglaubt haben“, schloss Radebold. „Die Psychotherapie sollte sich darauf einstellen.“ Die Altenseelsorge in der hannoverschen Landeskirche hat sich bereits auf dieses Thema eingestellt: Wiederum in Kooperation mit der EEB und der AEWB bereitet Anita Christians-Albrecht die Tagung „Spurensuche. Kriegsenkel und ihre Lebensprägungen“ vor.