„Sie alle sind zweibeinige Leistungszentren“

Impulse zur Biographiearbeit und Austausch bei „Be my Guest“

Die Gastgeberinnen Angela Grimm (links) und Anja Garbe (rechts) mit Dr. Hubert Klingenberger und Dr. Nicola Wendebourg. Foto: Andrea Hesse

„Unsere Seele macht uns zu dem Menschen, der wir sind; und sie macht unsere Kirche zu dem, was sie ist.“ Mit diesen Worten und der Tageslosung „Sei getrost und unverzagt …“ begrüßten jetzt Anja Garbe, Leitung des Seelsorge-Referates der hannoverschen Landeskirche, und Angela Grimm, Direktorin des Zentrums für Seelsorge und Beratung (ZfSB), Seelsorgende aus verschiedenen Regionen der Landeskirche in der Aula der Hochschule Hannover in Kleefeld. Sie alle waren eingeladen zu einem besonderen Tag – und hatten ihrerseits jeweils selbst eine Person aus ihrem beruflichen Umfeld zu „Be my Guest“ mitgebracht.

Der Tag auf dem Hochschulcampus und im ZfSB war Teil des Aktionsjahres 2026 „Seele stärken“ der Landeskirche, das auf einer Idee von Oberlandeskirchenrätin Dr. Nicola Wendebourg aufbaut. Fast 40 Projekte machen in diesem Jahr landeskirchenweit auf die Seelsorge aufmerksam – auf ein naturgemäß verschwiegenes und zugleich hochangesehenes, zentrales kirchliches Arbeitsfeld. So benennt auch der landeskirchliche Zukunftsprozess „Seele stärken“ als eines seiner Kernthemen.

Viel Ballast und ebenso viel Proviant

Inhaltlich im Zentrum des Tages stand der Impulsvortrag „Stolz und dankbar – die lebensbejahende Wirkung der Biographiearbeit“ von Dr. Hubert Klingenberger. Der Pädagoge, Psychologe und Soziologe sowie langjährige Bildungsreferent der Erzdiözese München und Freising packte mit leisem Humor, bayerischem Witz und anschaulichen, teilweise sehr persönlich geprägten Bildern den biographischen Rucksack aus, den jeder Mensch mit sich trägt: Viel Ballast, aber auch ebenso viel Proviant und hilfreiche Pläne kamen da zum Vorschein.

"Stellen Sie Ihr Licht auf den Scheffel!": Dr. Hubert Klingenberger. Foto: Andrea Hesse

„Wir sind biographisch Gewordene“, erklärte Klingenberger und betonte, dass Biographiearbeit nicht nur vergangenheitsorientiert sei: „Biographische Kompetenz hilft bei der Suche nach dem roten Faden im Leben, sie hilft bei der Berufsentscheidung, in der Beziehung und bei vielem anderen.“

Besondere Bedeutung misst Klingenberger der Biographiearbeit im Umgang mit der evolutionär bedingten menschlichen Defizitorientierung zu: „Unter Druck orientieren wir uns verstärkt an unseren Defiziten – stattdessen bräuchten wir eine Ressourcenorientierung.“ Gebraucht werde ein konstruktiver Umgang mit bereits erzielten Erfolgen, der das eigene Licht nicht unter, sondern auf den Scheffel stelle. „Sie alle sind zweibeinige Leistungszentren“, ermutigte Klingenberger seine Zuhörer*innen.

Vereinigung von Stolz und Dankbarkeit

Auch den Begriff „Stolz“ nahm der Referent in den Blick: „Wir verwechseln Stolz oft mit Arroganz und Überheblichkeit.“ Tatsächlich gehe es aber darum anzuerkennen, dass man selbst bereits viel geleistet habe – eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen, Kinder großgezogen, Abschiede bewältigt, nach einem Scheitern wieder aufgestanden, Freundschaften erhalten, Zivilcourage gezeigt, für andere gesorgt …

Um Überheblichkeit vorzubeugen, brauche es in gleichem Maße wie den Stolz auch die Dankbarkeit, so Klingenberger: „Sie erkennt an, dass ich mich und meine Erfolge auch anderen verdanke.“ Ziel der Biographiearbeit sei letzten Endes die Vereinigung von Stolz und Dankbarkeit.

Abschließend trug Klingenberger einen kurzen Exkurs zum Begriff „Geraubter Stolz“ vor, der von der US-amerikanischen Soziologie-Professorin Arlie Russell Hochschild geprägt wurde. „Wenn Menschen nicht mehr Stolz auf etwas empfinden können, fangen sie an, anderen hinterherzulaufen“, so Klingenberger. Beobachten lasse sich dieses Verhalten im politischen Raum, etwa in den USA unter Donald Trump oder im Erstarken des Rechtspopulismus in Europa.

Mittagspause im Sonnenschein mit syrischen Köstlichkeiten. Foto: Andrea Hesse

Nach dem ebenso informativen wie anregenden Impuls zur Biographiearbeit genossen die Teilnehmenden das gemeinsame Mittagessen im Sonnenschein mit angeregten Gesprächen und der Frage „Und was machen Sie so?“, bevor das hannöversche „Orchester im Treppenhaus“ ein „Notfallkonzert“ spielte. Wer mochte, konnte dazu eine ganz persönliche Notlage notieren, und die Musiker*innen griffen diese Not musikalisch auf. Mit einem Eis vom nostalgischen Eiswagen wurden alle Gäst*innen und Gastgebenden schließlich verabschiedet.

Das Orchester im Treppenhaus spielte ein sehr individuelles Notfallkonzert. Foto: Andrea Hesse