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„Eine seelsorgliche Kirche kann politische Kraft entfalten“

Seelsorge-Tagung in Loccum: Wirksamkeit lässt sich empirisch nachweisen

Prof. Dr. Christine Wenona Hoffmann (von links), Angela Grimm und Holger Nollmann gaben Impulse zu Entwicklungen in der Seelsorge; Uwe Keller-Denecke moderierte. Foto: Andrea Hesse

„Seele stärken – We care!“: Unter diesem Titel kamen jetzt rund 70 Seelsorgende, an Seelsorge Interessierte und Wissenschaftler*innen in der Evangelischen Akademie Loccum zusammen. An drei Tagen beschäftigten sie sich mit der Seelsorge im Sozialraum; die Einzelthemen führten dabei von soziotheologischen Überlegungen zum Thema Verlust über das Konzept der Caring City und der Sorgenden Gemeinschaften, neue Seelsorgeformen und den Zusammenhang von Einsamkeit, Seelsorge und Gesundheit bis zur empirisch-soziologischen Forschung über die Gemeinwohlwirksamkeit von Seelsorge. Gemeinsame Veranstalterinnen der Tagung zum Auftakt des Aktionsjahres Seelsorge 2026 waren das Zentrum für Seelsorge und Beratung (ZfSB) in Hannover und die Akademie Loccum.

Die Tagung rücke die Seelsorge als Markenkern kirchlichen Handelns in den Blick, erklärte Angela Grimm, Direktorin des ZfSB in ihrem Eröffnungsimpuls. Dabei müsse es darum gehen, Seelsorge neu zu denken und neu zu definieren; den Blick über Kirchenmauern hinaus zu öffnen, wie Tagungsleiter Dr. Bastian König es formulierte.

Landesbischof Ralf Meister verwies in seinem Eingangsstatement darauf, dass die Bezüge zwischen Seelsorge und Sozialraum sehr alt seien: „Sozialraumorientierung war immer schon Teil der DNA der Kirche.“ Dr. Nicola Wendebourg, Personalchefin der hannoverschen Landeskirche, ging auf den oftmals allzu leisen Auftritt der Seelsorge ein und stellte fest, dass das ZfSB seit seiner Gründung im Jahr 2014 die Seelsorge stärker in der öffentlichen Wahrnehmung verankert habe.

Heike Merzyn vom Zentrum für Seelsorge und Beratung leitete eine der insgesamt sieben Arbeitsgruppen zu neuen Formen der Seelsorge. Foto: Andrea Hesse

Kompetenz für den Umgang mit Verlusten

Den thematischen Aufschlag machte Dr. Claas Cordemann, Leiter der Fortbildung in den ersten Amtsjahren (FEA) und zukünftiger Regionalbischof des Sprengels Hildesheim-Göttingen. In seinen Überlegungen schloss er an das Buch „Verlust“ des Soziologen Andreas Reckwitz an. Die Moderne habe aufgrund ihres inhärenten Fortschrittsversprechens zwangsläufig ein Verlustproblem, so Cordemann: „Die Moderne versucht, Verluste zu reduzieren und potenziert sie zugleich.“ Diese Paradoxie führe zu einer „Verlust-Eskalation“, die das Vertrauen in Politik und Gesellschaft zerstöre. Der Rechtspopulismus nutze diese Erfahrung und betreibe sehr erfolgreich ein „Verlust-Unternehmertum“ (Reckwitz); die damit verbundene Empörungsmaschinerie führe dabei zu einem weiteren Verlust: Verloren gehe die Diskurskultur. Hinzu komme in einer alternden Gesellschaft schließlich auch noch eine wachsende Vulnerabilität aufgrund abnehmender Mobilität, verminderter Sozialkontakte, zunehmender Einsamkeit und weiterer Faktoren.

Die Kirche habe eine historisch begründete Kompetenz für den Umgang mit Verlusterfahrungen, schloss Cordemann seinen Vortrag. Eine seelsorgliche Kirche könne eine immense politische Kraft entfalten, wenn sie Rechtfertigungslehre und Gottesglauben gegen Kontrollsehnsüchte setze und ihre auf Gottvertrauen aufbauenden Stärken für die Gesellschaft bereitstelle. „Seelsorge kann einen Möglichkeitsraum öffnen, um wieder ins Gespräch zu kommen“, hob Cordemann hervor.

Nina Böcker, Referentin beim Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung in Berlin, betonte in ihrer Vorstellung des Konzeptes der Caring City, dass es für die Sozialraumentwicklung eine machtkritische und feministische Perspektive brauche – „sonst bleibt das alles ein leeres Leitbild“.

Prof. Dr. Christine Wenona Hoffmann plädierte für eine Seelsorge, die Teilhabe ermöglicht. Foto: Andrea Hesse

Forderung nach einer diversitätssensiblen Seelsorge

Prof. Dr. Christine Wenona Hoffmann, Professorin für Praktische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt, ging in ihrem Impulsreferat auf Sorgende Gemeinschaften in Diakonie und Seelsorge ein und richtete den Blick insbesondere auf eine diversitätssensible Seelsorge. Teilweise ignoriere Seelsorge Gruppenzugehörigkeiten und -zusammenhänge sowie fehlende Möglichkeiten der Teilhabe: „Es gibt Personengruppen, die können wir gar nicht erreichen; das sollten wir anerkennen.“ Ihre Zustimmung zu dieser Aussage erklärte Anja Garbe, Leiterin des Seelsorge-Referates im Landeskirchenamt, im anschließenden Gespräch: „Diese Aussage hat etwas Entlastendes.“

„Seelsorge kann der unbarmherzigen Suche nach einem gelingenden Leben etwas entgegensetzen, indem sie Teilhabe an der Gemeinschaft mit Gott ermöglicht“, so Hoffmann weiter. Dies könne in der ehrenamtlichen Mitarbeit in diakonisch-seelsorglichen Projekten erlebt werden; allerdings habe sie dazu eine kritische Anfrage: „Gibt es hier eine wirkliche oder eine simulierte Teilhabe?“ Dennoch: Die Teilhabemöglichkeit im gemeinsamen und gemeinwohlorientierten Handeln, etwa in einer Vesperkirche, habe manchmal mehr Bedeutung als ein seelsorgliches Gespräch unter vier Augen. Unbedingt erforderlich sei bei all dem die Betrachtung von Seelsorge aus der Perspektive der Seelsorge Empfangenden.

Tagungsleiter Dr. Bastian König von der Evangelischen Akademie Loccum. Foto: Andrea Hesse

„Seelsorge muss Menschen zur Teilhabe befähigen“

Dem Zusammenhang von Einsamkeit, Gesundheit und Seelsorge näherte sich Prof. Dr. Felix Roleder, Juniorprofessor am Institut für Praktische Theologie der Universität Hamburg, in seinem Vortrag an. Einsamkeit komme immer stärker als Querschnittsthema in den Blick; so führe etwa ein schlechter Gesundheitszustand zur Chronifizierung von Einsamkeit. Hilfreich seien oftmals verhaltenstherapeutische Interventionen; vor diesem Hintergrund sei eine „psychologisch informierte Seelsorge“ wichtig. Kirche könne darüber hinaus das Einsamkeitsgefühl mindern, indem sie das generelle Sozialvertrauen von Menschen stärke.

Religion schaffe Zugehörigkeit, so Roleder, habe aber gleichzeitig auch Ausschlusspotenzial. Letzteres zeige sich etwa bei Kasualien, wenn ganz klassisch „die Familie“ in den Altarraum gebeten werde – eine religiöse Diskriminierung etwa von Alleinerziehenden und Menschen aus der LGBTQIA+-Community. „Seelsorge muss politisch sein, sie muss Menschen zur Teilhabe befähigen“, forderte Roleder als Konsequenz aus diesen Beobachtungen ein. Auf dem anschließenden Podium zu aktuellen Entwicklungen aus seelsorglicher Perspektive griff Angela Grimm diese Forderung noch einmal auf und entwickelte sie weiter: „Seelsorge kann ein stabilisierender Faktor für eine unter Druck stehende Gesellschaft sein.“

Holger Nollmann, Referent für Kirche im Sozialraum der Evangelischen Agentur in Hannover, formulierte einen Zweiklang: „Sozialraumorientierung schärft den Blick, Seelsorge sichert die Unverfügbarkeit.“ Christine Wenona Hoffmann plädierte eindringlich dafür, den Blick auf die realen Handlungsmöglichkeiten zu richten und nicht länger um die Definition des Propriums der Seelsorge zu ringen – dies auch vor dem Hintergrund ganz unterschiedlicher pastoraler Identitäten. Der Soziologe Dr. Janosch Schobin aus Frankfurt beschloss diesen Tag mit einer berührenden Lesung aus seinem Buch „Zeiten der Einsamkeit“.

Konzentrierte Mitarbeit im Plenum der Teilnehmenden. Foto: Andrea Hesse

Enormer Reichtum in der Seelsorge

Dr. Miriam Zimmer, Soziologin und empirische Kirchenforscherin aus Berlin, begann ihren Vortrag zum gesellschaftlichen Bedarf und der Gemeinwohlwirksamkeit von Seelsorge mit der Feststellung, dass Unbehagen seit einigen Jahren das gesellschaftliche Grundgefühl sei: „Wir können überall dabei sein, aber sind nirgends ganz drin – das passt nicht zu unserem Bedürfnis nach Kohärenz.“ Das schwindende Vertrauen in Institutionen korreliere mit dem abnehmenden Vertrauen in Menschen; dem habe Seelsorge etwas entgegenzusetzen. Seelsorge, etwa im Krankenhaus, in der Notfallseelsorge, der Telefonseelsorge und im Hospiz, werde als verlässlich, nicht verzweckbar und mit zeitlicher Kapazität ausgestattet erlebt; hierin liege die Grundlage für ihre empirisch nachgewiesene Wirksamkeit. Diese Wirksamkeit sei, ebenso wie die hohe Wertschätzung gegenüber der Seelsorge, von Religiosität und Kirchennähe unabhängig; dies zeige sich empirisch belegt besonders in der Militärseelsorge.

„In unserer Gesellschaft wächst der Wunsch nach ganzheitlicher Erfahrung, nach Kohärenz – nicht nach weiterer Differenzierung“, stellte Zimmer abschließend fest. Vor diesem Hintergrund stelle sich auch die Frage nach dem Verhältnis von allgemeiner und Spezialseelsorge und dem Ineinandergreifen verschiedener Seelsorgedienste.

Dr. Claas Cordemann fand zum Ende der Tagung anerkennende und in die Zukunft weisende Worte: „Die Beiträge hinterlassen das Gefühl eines enormen Reichtums in der Seelsorge. Ich werde den Vortrag von Dr. Miriam Zimmer mitnehmen gegen das ganze Verlustgerede.“  

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