Foto: Andrea Hesse

Queersensible Arbeitshilfe ist erschienen

„Ich möchte einfach Mensch sein“

Foto: Andrea Hesse

„Ich möchte einfach Mensch sein“ – so heißt eine neue Arbeitshilfe der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers für eine gendersensible und queerfreundliche christliche Praxis. Sie wird zusammen mit weiteren Materialien kostenlos an alle Kirchengemeinden sowie Verantwortliche in Kirchenkreisen und kirchlichen Einrichtungen der Landeskirche versandt.

„Mit diesen Materialien wollen wir als Landeskirche zeigen, dass bei uns alle Menschen als Gottes Ebenbilder gesehen werden und willkommen sind“, sagt Pastorin Cornelia Dassler, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche. „Das geschieht in dem Bewusstsein, das wir ein Diskussionsfeld betreten, in dem es schnell zu scheinbar unvereinbaren Gegensätzen kommt.“ Arbeitshilfe und Materialien seien eine Einladung, sich auf den Weg zu machen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Dahinter steht laut Dassler die Glaubensüberzeugung, dass wir alle „einfach Mensch sein“ möchten und jeder Person Respekt gebührt.

Die Arbeitshilfe enthält rund 50 eher kurz gehaltene Beiträge, die verschiedene Aspekte der Geschlechtervielfalt aufgreifen. Praktische Beispiele aus den verschiedensten Arbeitsfeldern sollen Mitarbeitende in der Kirche darin unterstützen, Fragen zur Geschlechtervielfalt zu klären und Einsichten und Hilfen für eine sensible Praxis zu finden. „Das Material enthält nachdenkenswerte Texte, Gedichte, Bausteine für Gottesdienste, Unterrichtsmaterial, Filmtipps und weitere Anregungen“, so Dassler. Als Unterstützung bietet das Redaktionsteam mehrere Online-Seminare an.

Die Arbeitshilfe, die auch online abrufbar ist (rechts), geht zurück auf einen Beschluss der 26. Landessynode sowie auf eine Jugendsynode, in der zuvor maßgebliche Impulse dafür gesetzt worden waren. Sie steht in Einklang mit der Verfassung der Landeskirche, in der es heißt: „Die Landeskirche fördert ein Zusammenleben in Vielfalt und die Gleichstellung von Menschen jeden Geschlechts. Sie wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung und setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe am kirchlichen und gesellschaftlichen Leben ein.“ (Artikel 2, Absatz 3)

Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

"Ich wünsche mir, dass sie lebendig bleibt"

Theodor Adam, Beauftragter für Queersensible Seelsorge und Beratung, sprach im vergangenen Herbst vor der Landessynode zur neuen Arbeitshilfe. Foto: Jens Schulze

Pastor Theodor Adam ist Beauftragter für Queersensible Seelsorge und Beratung im ZfSB. Er war als Autor sowie im Redaktionsteam an der Erstellung der Arbeitshilfe beteiligt und legte sie im Herbst 2025 gemeinsam mit der landeskirchlichen Gleichstellungsbeauftragten Cornelia Dassler den Mitgliedern der hannoverschen Landessynode ans Herz. Im Gespräch mit dem ZfSB erklärt er, was die Arbeitshilfe für ihn bedeutet. 

Lieber Theodor Adam, was bedeutet die Arbeitshilfe für Sie?

Für mich ist sie zweierlei. Zum einen ist sie eine echte Hilfe, weil sie Beiträge versammelt, die Antworten oder Ideen auf die Fragen und Unsicherheiten vieler geben: Wie spreche ich eine Person, von der ich weiß, dass sie queer lebt, richtig an? Wie gestalte ich eine Andacht queersensibel? Und was mache ich, wenn auf Konfifahrten Jungs- und Mädchenzimmer nicht ausreichen, weil genderqueere Konfis oder Teamer*innen mitfahren? Zudem kommen Verwaltungsfragen, Fragen der Weltanschauung und rechtliche Themen vor. Und zum anderen ist sie auch ein kirchenpolitisches Statement – so etwas wie ein kirchenhistorischer Pflock, der nun eingeschlagen wurde, der sicher aber auch polarisiert.

Was empfanden Sie, als Sie die Arbeitshilfe zum ersten Mal in der Hand hielten?

Es war eine große Freude, als sie aus dem Druck kam, eine große Erleichterung auch. Als sie dann von den Synodal*innen ausgepackt und durchgeblättert wurde, war ich sehr angespannt und bald sehr bewegt, weil die Synode so begeistert war. Jetzt empfinde ich immer wieder ein großes Gemeinschaftsgefühl, das Mut macht: So viele Autor*innen haben mitgewirkt. Irgendwann mussten wir den Redaktionsprozess einfach schließen, sicher hätten sonst noch mehr Menschen mitgeschrieben. Sie alle bringen ihre Gaben in ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern ein für eine queersensible Kirche. Das macht mich sehr zuversichtlich und hoffnungsvoll.

Was wünschen Sie sich für die Arbeitshilfe?

Ich wünsche mir, dass sie lebendig bleibt, sich wandelt und entwickelt und dass viele Menschen dazulegen, was auch noch alles in ihr stehen könnte: weiteres, konkretes Material für die Arbeit in der Seelsorge, in den Gemeinden und Einrichtungen, weitere theologische, hermeneutische Ansätze und nicht zuletzt auch Visionen, wohin sich eine queersensible Kirche entwickeln könnte.

Haben Sie selbst eine solche Vision?

Wunderbar wäre eine pluralitätsfähige Kirche, die Gott das Gott-Sein lässt – in der also niemand über andere aufgrund ihres So-Seins urteilt oder sie verurteilt, sondern in der wir alle aus dem Glauben leben, dass Gott sich bei uns allen etwas gedacht hat. Das erschließt sich nicht immer sofort und manchmal vielleicht auch nie. Aber wenn wir damit aus dem Glauben heraus umzugehen und friedlich zu leben lernen, wäre das schon ein bisschen Reich Gottes auf der Erde.

Haben Sie Hoffnung, dass die Arbeitshilfe dazu beiträgt?

Im besten Fall ermuntert sie dazu und gibt erste Hinweise darauf, wie es gehen könnte. In diesem Sinne ist sie auch eine Form der Friedensarbeit. Tatsächlich könnte die Arbeitshilfe so ein Stück lebendiges Evangelium werden.