„Blindheit und Sehbehinderung verstehen. Empathie, Grenzerfahrungen und Seelsorge im Pflegealltag“ – diese Fortbildung der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge in Zusammenarbeit mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen stand jetzt ganz im Zeichen des Perspektivwechsels. „Unser Ziel war es, die Lebenswelt blinder und sehbehinderter Menschen nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern sie ein Stück weit selbst zu erfahren“, erklärt Kursleiterin Tamara Meyer-Goedereis, Beauftragte für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Zentrum für Seelsorge und Beratung. Gleichzeitig sollte für die teilnehmenden Pflegekräfte ein Raum entstehen, in dem sie über die eigenen Erfahrungen im Pflegealltag nachdenken, persönliche Grenzen wahrnehmen und neue Zugänge zu Empathie und Seelsorge entdecken konnten.
Schon das Frühstück ist eine Herausforderung
Der Tag begann bereits beim gemeinsamen Frühstück mit einer besonderen Herausforderung: Mit einer dunklen Augenbinde wurden alltägliche Handlungen plötzlich ungewohnt und ließen sich nur unsicher bewältigen. Wo steht meine Tasse? Habe ich sie beim Einschenken des Kaffees überhaupt getroffen? Liegt das Brötchen noch auf meinem Teller? „Viele Teilnehmende berichteten, wie schnell sich Gefühle von Unsicherheit, Abhängigkeit und Orientierungslosigkeit einstellten“, erzählt Meyer-Goedereis. „Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig eine verständliche Ansprache, Verlässlichkeit und Vertrauen in die Unterstützung durch andere Menschen sind.“
Im weiteren Verlauf des Vormittags wurde Grundlagenwissen zu Blindheit und Sehbehinderung sowie verschiedenen Augenerkrankungen vorgestellt. Besonders eindrücklich waren auch hier die praktischen Übungen: Die Pflegekräfte konnten selbst erleben, wie herausfordernd Orientierung und Mobilität ohne das Augenlicht sein können. Wege, die sonst selbstverständlich erscheinen, mussten plötzlich ertastet, erhört und Schritt für Schritt erkundet werden. Viele Teilnehmende beschrieben, dass sie dadurch einen neuen Blick auf die Bedürfnisse und Gefühle blinder Menschen gewonnen haben.
Spagat für Pflegekräfte
Diese Erfahrungen bildeten den Ausgangspunkt für den Nachmittag. Die Frage lautete nun nicht mehr nur: Wie fühlt sich Blindheit an?, sondern auch: Was passiert eigentlich in uns, wenn wir an unsere Grenzen kommen? Anhand eines Rollenspiels und vieler persönlicher Beispiele aus dem Pflegealltag wurde deutlich, wie oft Pflegekräfte den Spagat zwischen Zeitdruck, Verantwortung und dem Wunsch, Menschen gerecht zu werden, absolvieren müssen.