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„Seelsorge beginnt oft viel früher als gedacht“

Seelsorge und Begleitung sehbehinderter Menschen

Frühstück mit dunkler Augenbinde - eine verunsichernde Erfahrung. Foto: Laura Wedber, BVN

„Blindheit und Sehbehinderung verstehen. Empathie, Grenzerfahrungen und Seelsorge im Pflegealltag“ – diese Fortbildung der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge in Zusammenarbeit mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen stand jetzt ganz im Zeichen des Perspektivwechsels. „Unser Ziel war es, die Lebenswelt blinder und sehbehinderter Menschen nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern sie ein Stück weit selbst zu erfahren“, erklärt Kursleiterin Tamara Meyer-Goedereis, Beauftragte für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Zentrum für Seelsorge und Beratung. Gleichzeitig sollte für die teilnehmenden Pflegekräfte ein Raum entstehen, in dem sie über die eigenen Erfahrungen im Pflegealltag nachdenken, persönliche Grenzen wahrnehmen und neue Zugänge zu Empathie und Seelsorge entdecken konnten.

Schon das Frühstück ist eine Herausforderung

Der Tag begann bereits beim gemeinsamen Frühstück mit einer besonderen Herausforderung: Mit einer dunklen Augenbinde wurden alltägliche Handlungen plötzlich ungewohnt und ließen sich nur unsicher bewältigen. Wo steht meine Tasse? Habe ich sie beim Einschenken des Kaffees überhaupt getroffen? Liegt das Brötchen noch auf meinem Teller? „Viele Teilnehmende berichteten, wie schnell sich Gefühle von Unsicherheit, Abhängigkeit und Orientierungslosigkeit einstellten“, erzählt Meyer-Goedereis. „Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig eine verständliche Ansprache, Verlässlichkeit und Vertrauen in die Unterstützung durch andere Menschen sind.“

Im weiteren Verlauf des Vormittags wurde Grundlagenwissen zu Blindheit und Sehbehinderung sowie verschiedenen Augenerkrankungen vorgestellt. Besonders eindrücklich waren auch hier die praktischen Übungen: Die Pflegekräfte konnten selbst erleben, wie herausfordernd Orientierung und Mobilität ohne das Augenlicht sein können. Wege, die sonst selbstverständlich erscheinen, mussten plötzlich ertastet, erhört und Schritt für Schritt erkundet werden. Viele Teilnehmende beschrieben, dass sie dadurch einen neuen Blick auf die Bedürfnisse und Gefühle blinder Menschen gewonnen haben.

Spagat für Pflegekräfte

Diese Erfahrungen bildeten den Ausgangspunkt für den Nachmittag. Die Frage lautete nun nicht mehr nur: Wie fühlt sich Blindheit an?, sondern auch: Was passiert eigentlich in uns, wenn wir an unsere Grenzen kommen? Anhand eines Rollenspiels und vieler persönlicher Beispiele aus dem Pflegealltag wurde deutlich, wie oft Pflegekräfte den Spagat zwischen Zeitdruck, Verantwortung und dem Wunsch, Menschen gerecht zu werden, absolvieren müssen.

Schnell entstehen Gefühle von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Abhängigkeit. Foto: Laura Wedber, BVN

In Gesprächen wurde offen über Stress, Überforderung, Hilflosigkeit und Frustration gesprochen. Gleichzeitig richtete sich der Blick auf die Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen: Was erleben sie in solchen Momenten? Welche Gefühle verbergen sich hinter wiederholtem Klingeln, Beschwerden oder Rückzug? Deutlich wurde, dass hinter herausforderndem Verhalten häufig Bedürfnisse stehen: nach Sicherheit, Orientierung, Aufmerksamkeit oder einfach danach, gesehen und verstanden zu werden.

Hilflosigkeit trifft auf Hilflosigkeit

„Eine besondere Erkenntnis des Nachmittags war, dass in schwierigen Situationen häufig Hilflosigkeit auf Hilflosigkeit trifft – Pflegekräfte erleben den Druck eines anspruchsvollen Arbeitsalltags, Bewohner*innen erleben Abhängigkeit, Einsamkeit, Angst und Kontrollverlust. Beide Seiten tragen Belastungen mit sich, und beide Seiten wünschen sich letztlich dasselbe: Verständnis, Wertschätzung und das Gefühl, nicht allein zu sein“, sagt Seelsorgerin Meyer-Goedereis.

Von dieser Erkenntnis aus führte die Fortbildung zum Thema Seelsorge. Die Teilnehmenden setzten sich mit der Frage auseinander, wann Seelsorge eigentlich beginnt und fanden schnell eine gemeinsame Antwort: oft viel früher, als wir denken. Nicht erst im Sterbezimmer oder in Krisensituationen, sondern bereits dort, wo ein Mensch aufmerksam zuhört, Verständnis zeigt und einem anderen Menschen mit Respekt begegnet. Die Gedanken der Personzentrierten Seelsorge nach Carl Rogers boten hierfür wertvolle Impulse. In kleinen Übungen wurde erfahrbar, wie wohltuend es sein kann, wirklich gehört zu werden – und wie herausfordernd es manchmal ist, einfach „nur“ zuzuhören.

Pflegekräfte nehmen Signale sensibel wahr

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, woran Pflegekräfte erkennen können, dass Bewohner*innen ein seelsorgliches Gespräch benötigen. Gemeinsam wurden Anzeichen wie Rückzug, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit oder Fragen nach dem Sinn des Lebens gesammelt. Dabei wurde deutlich, dass Pflegekräfte solche Signale oft sehr sensibel wahrnehmen und bereits durch ihre Aufmerksamkeit und Präsenz einen wichtigen Beitrag leisten können. Die Teilnehmenden erkannten auch, dass Blindheit häufig Gefühle verstärkt, die andere pflegebedürftige Menschen ebenfalls kennen: Unsicherheit, Kontrollverlust, das Gefühl von Abhängigkeit oder Einsamkeit. Die entscheidende Frage lautet daher nicht zuerst: Was macht die Blindheit mit diesem Menschen?, sondern: Was braucht dieser Mensch gerade?

„Beeindruckend war die Offenheit, mit der sich die Teilnehmenden auf Selbsterfahrungen und Austausch einließen“, so Meyer-Goedereis. „Es entstanden ehrliche Gespräche über Belastungen, Herausforderungen und Grenzen, aber auch über die Freude, Menschen begleiten zu dürfen. Die Bereitschaft, die Perspektive der Bewohner*innen einzunehmen und das eigene Handeln zu reflektieren, zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Tag. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis jedoch war, dass niemand perfekt sein muss. Entscheidend ist vielmehr, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, die Bedürfnisse hinter dem Verhalten eines Menschen zu erkennen und ihm mit Respekt, Aufmerksamkeit und Empathie zu begegnen. Genau dort beginnen Begleitung, Seelsorge und menschliche Nähe.“

 

Ansprechperson für Fortbildungen

Beauftragte für Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im ZfSB

Tamara Meyer-Goedereis
Mobil: 0171 2057423