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Künstliche Intelligenz und Spiritual Care

Zur Einordnung einer aktuellen Delphi-Studie

Ein Text von Achim Blackstein

Bild: Alexandra Koch auf pixabay.de

Die Ende Juli 2026 im Journal of Medical Internet Research veröffentlichte Studie Artificial Intelligence in Spiritual Care: Modified Delphi Study untersucht die Frage, welche Rolle Künstliche Intelligenz (KI, engl. AI) künftig im Arbeitsfeld Spiritual Care spielen kann und wo ihre Grenzen liegen. Da es bislang nur wenige empirisch fundierte Arbeiten zu diesem Thema gibt, wählten die Autor*innen ein sogenanntes Delphi-Verfahren, um die Einschätzungen eines interdisziplinären Expertengremiums systematisch zusammenzuführen.

Die Studie wurde federführend von Dr. Fabian Winiger initiiert, der sich seit mehreren Jahren an der Universität Zürich wissenschaftlich mit dem Thema Digital Spiritual Care, der Seelsorge im Gesundheitswesen und dem Einsatz digitaler Technologien in spirituellen Begleitungsprozessen beschäftigt. Die vorliegende Delphi-Studie knüpft an diese Forschung an und versteht sich als Beitrag dazu, Chancen, Grenzen und ethische Rahmenbedingungen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Rahmen von Spiritual Care systematisch zu beschreiben.

Als Beauftragter für Digitale Seelsorge und Beratung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers am Zentrum für Seelsorge und Beratung (ZfSB) konnte Pastor Achim Blackstein als Experte an der Delphi-Studie teilnehmen. Die von ihm hier vorgestellte Einordnung verbindet daher die Ergebnisse der veröffentlichten Studie mit seinen eigenen Eindrücken aus dem Forschungsprozess und Überlegungen zu ihrer Bedeutung für die kirchliche Praxis.

Pastor Achim Blackstein

Das Studiendesign

Die Studie basiert auf einer modifizierten Delphi-Methode. Dabei bewerteten insgesamt 102 Expertinnen und Experten in der ersten und 83 in der zweiten Runde aus den Bereichen Spiritual Care, Seelsorge, Ethik, Theologie und Gesundheitswesen in mehreren Befragungsrunden Aussagen zu einem Themenfeld.

Zwischen den Runden werden die Ergebnisse anonym zurückgespiegelt, sodass die Teilnehmenden ihre Einschätzungen überdenken können und schrittweise ein fachlicher Konsens entstehen kann. Dieses Verfahren eignet sich insbesondere für Fragestellungen, zu denen noch wenig belastbare empirische Evidenz vorliegt, bei denen aber die Einschätzung erfahrener Fachpersonen eine wichtige Orientierung bieten kann.

Die Ergebnisse der Studie stellen daher keine Wirksamkeitsnachweise dar, sondern bilden den aktuellen fachlichen Konsens darüber ab, welche Einsatzmöglichkeiten und Grenzen für KI in der Spiritual Care gesehen werden. Die Stärke des Delphi-Verfahrens liegt dabei nicht allein in der Befragung von Expertinnen und Experten, sondern in der systematischen Erarbeitung eines fachlichen Konsenses zu einem bislang wenig erforschten Themenfeld. Dieser strukturierte Konsens verleiht den Ergebnissen eine hohe Orientierungsfunktion für Forschung und Praxis.

Gerade weil die Studie einen internationalen Fachkonsens dokumentiert, bietet sie auch für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das ZfSB eine wertvolle Orientierung für den weiteren Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

Die zentralen Ergebnisse

Die Expertinnen und Experten sehen das größte Potenzial von KI in unterstützenden und organisatorischen Aufgaben. Dazu gehören insbesondere die Recherche von Informationen, die Aufbereitung von Wissen, Dokumentation sowie administrative Tätigkeiten. KI könnte dadurch dazu beitragen, Fachkräfte zu entlasten und ihnen mehr Zeit für die unmittelbare Begleitung von Menschen zu verschaffen.

Gleichzeitig besteht ein deutlicher Konsens darüber, dass die eigentliche spirituelle Begleitung nicht durch KI ersetzt werden kann. Seelsorge lebt von persönlicher Begegnung, Empathie, Vertrauen, gemeinsamer Sinnsuche und der Fähigkeit, auf individuelle Lebenssituationen einzugehen. Diese relationalen Dimensionen werden von den Expertinnen und Experten als genuin menschliche Aufgaben verstanden.

Zurückhaltender beurteilt wurde der Einsatz von KI bei spiritueller Beratung, religiöser Deutung oder in existenziellen Krisensituationen. Hier werden erhebliche ethische Fragen gesehen, etwa hinsichtlich Verantwortung, Transparenz oder der Gefahr, dass KI-generierte Inhalte den Eindruck persönlicher Begleitung vermitteln könnten. Entsprechend betont die Studie die Notwendigkeit klarer ethischer Leitlinien, menschlicher Verantwortung und eines reflektierten Umgangs mit KI-Systemen.

Einordnung für die kirchliche Praxis

Die Ergebnisse decken sich mit vielen aktuellen Diskussionen über den Einsatz generativer KI im Gesundheits- und Sozialwesen. Sie machen deutlich, dass KI weniger als Ersatz menschlicher Beziehungen verstanden werden sollte, sondern vielmehr als Werkzeug zur Unterstützung professioneller Arbeit.

Für Einrichtungen wie das Zentrum für Seelsorge und Beratung können daraus verschiedene Fragestellungen entstehen. KI könnte beispielsweise bei der Recherche wissenschaftlicher Literatur, der Erstellung von Arbeitsmaterialien, der Entwicklung von Fortbildungsangeboten oder der Zusammenfassung umfangreicher Texte unterstützen. Auch bei organisatorischen Aufgaben oder der Vorbereitung von Veranstaltungen sind sinnvolle Einsatzmöglichkeiten denkbar. Ebenso im Training angehender Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Demgegenüber erscheint ein unmittelbarer Einsatz von KI in seelsorglichen Gesprächen oder in der Begleitung von Menschen in Krisen deutlich kritischer. Gerade dort sind Vertrauen, persönliche Beziehung, Schweigepflicht, geistliche Verantwortung und die Fähigkeit, auf individuelle Erfahrungen einzugehen, zentrale Bestandteile professioneller Seelsorge. Diese Aspekte lassen sich nach gegenwärtigem Stand nicht durch KI ersetzen.

Auch für die Landeskirche insgesamt dürfte die Studie deshalb weniger die Frage aufwerfen, ob KI genutzt werden sollte, sondern wie sie verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Dazu gehören transparente Regeln, Datenschutz, die Sicherung menschlicher Verantwortung sowie die Entwicklung entsprechender Medien- und KI-Kompetenzen bei Mitarbeitenden.

Aber: Wenn Künstliche Intelligenz künftig in Verwaltung, Bildung, Kommunikation, Beratung oder Seelsorge zunehmend zum Einsatz kommt, wird eine gemeinsame strategische Orientierung notwendig. Eine kirchliche KI-Strategie könnte dazu beitragen, verbindliche ethische Leitlinien zu formulieren, Verantwortlichkeiten zu klären, Mitarbeitende zu qualifizieren und geeignete Einsatzbereiche von KI zu definieren. Sie würde damit einen Rahmen schaffen, der Innovation ermöglicht, ohne den kirchlichen Auftrag und das Verständnis von menschlicher Beziehung, Würde und Verantwortung aus dem Blick zu verlieren.

Insgesamt zeigt die Studie, dass KI auch im Bereich der Spiritual Care zunehmend als hilfreiches Werkzeug wahrgenommen wird. Dabei bleibt es wichtig, dass sie menschliche Seelsorge unterstützt, nicht ersetzt. Für kirchliche Einrichtungen eröffnet dies Chancen, administrative und konzeptionelle Arbeit effizienter zu gestalten, während die persönliche Begleitung von Menschen weiterhin den Kern seelsorglichen Handelns bildet.

Transparenzhinweis

Die vorliegende Einordnung entstand mit Unterstützung eines generativen KI-Systems. Dieses wurde zur Auswertung der englischsprachigen Studie genutzt. Die Auswahl der Inhalte, ihre fachliche Einordnung und die abschließende Bewertung erfolgten durch den Autor. Auch dies entspricht einem Einsatzszenario, das die Delphi-Studie ausdrücklich unterstützt: KI dient als Werkzeug zur Unterstützung fachlicher Arbeit, ersetzt jedoch nicht die menschliche Verantwortung für Interpretation, Bewertung und Kommunikation.