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„Es ist nicht zu vergleichen“

Workshop der Notfallseelsorge für ukrainische Partner*innen

Notfallseelsorger Hans Jürgen Bollmann. Fotos: Gerd Brauns

Die Samtgemeinde Hambergen betreibt seit der Überführung eines Tanklöschfahrzeugs der örtlichen Feuerwehr im Jahr 2023 eine lebendige Partnerschaft mit der Gemeinde Kryve Osero in der Region Mykolajiw in der Ukraine. Im Vorfeld des diesjährigen Partnerschaftsbesuches gab es eine Anfrage an das Notfallseelsorgesystem im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck: Ob das Team einen gemeinsamen Workshop-Tag zum Thema „Überbringen einer Todesnachricht“ gestalten könne?

„Bei der ersten Anfrage war ich noch zögerlich und dachte, da können wir wohl besser von unseren Gästen etwas lernen als sie von uns“, sagt Pastor Hans Jürgen Bollmann, leitender Notfallseelsorger und Sprengelbeauftragter für die Notfallseelsorge im Sprengel Stade. Dennoch sagte er zu und nahm die Herausforderung an. Gemeinsam mit Christel Gaiser- Wolff, Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und ehrenamtliche Notfallseelsorgerin, plante er die Begegnung in Absprache mit Samtgemeindebürgermeister Gerd Brauns.

Beim Workshoptag selbst zollten Bollmann und Gaiser-Wolff den Gästen zunächst großen Respekt und sprachen ihnen ihre Hochachtung aus. „Wir haben betont, dass wir nicht wissen können, wie es ist, mit einer solchen Bedrohung zu leben; geschweige denn, wie es ist, im Krieg zu leben“, sagt Bollmann. „Auch wenn wir tagtäglich mit Nachrichten konfrontiert werden, in denen von Provokationen, Anschlägen, Sabotageakten, Drohnen und vielem mehr die Rede ist. Wir wissen auch, dass wir nicht mehr im Frieden leben, aber die uns umgebende Wirklichkeit ist eine völlig andere und nicht mit der in der Ukraine zu vergleichen.“

Christel Gaiser-Wolff

„Nichts ist für uns vergleichbar“

„Wir kennen uns aus mit Großschadenslagen und den innerhäuslichen oder außerhäuslichen Einsätzen, wir führen Nachgespräche zu Einsatzlagen, und im Katastrophenschutzstab üben wir bestimmte Szenarien“, fährt der Notfallseelsorger fort. „Dennoch: Nichts ist für uns vergleichbar mit dem, was wir bei dem Workshoptag mit den Gästen aus der Ukraine in der Samtgemeinde Hambergen erlebt und gemeinsam erarbeitet haben.“

Die Gäste aus der Ukraine hatten um Unterstützung gebeten, um sich besser für das Überbringen von Todesnachrichten aufstellen zu können. Unter anderem diese Fragen hatten sie dazu formuliert: Was soll ich tun, wenn ältere Menschen oder Kinder beim Überbringen einer Todesnachricht in der Nähe sind? Wie soll ich zurechtkommen nach einem solchen schwierigen Arbeitstag und davon nichts in die Familie übertragen? Was sind Worte, die helfen? Ist ein Mitleidswort okay? Wie sollen wir umgehen mit Aggressionen gegenüber dem Staat? Wie können wir dem Hass vorbeugen und Unterstützung zeigen? Wie können wir umgehen mit Schuldgefühlen?

„Auf dem Schilde nach Hause kommen“

Bollmann und Gaiser-Wolff erlebten die eindrucksvolle Schilderung eines „lebendigen Korridors“, den Menschen in der Ukraine bilden, wenn ein gefallener Verteidiger „auf dem Schilde“, wie sie es nennen, nach Hause kommt – ein Verteidiger, der sich mit Anfang 20 freiwillig gemeldet hatte. „Dabei bekommen die Kraniche in einem anrührenden Lied eine besondere Bedeutung, wenn eine Mutter im Text sagt: ‚Ich will mich dem Zug der Kraniche anschließen und zu dir fliegen, mein Liebling!‘“, erzählt Hans Jürgen Bollmann.

Mit Hilfe der Simultanübersetzerin Iryna gab es im Workshop keine Verständigungsprobleme; manchmal übersetzte Iryna fast zu schnell für die Workshop-Leitung. Christel Gaiser-Wolff und Hans Jürgen Bollmann teilten sich die Arbeitseinheiten und führten durch den von Gerd Brauns gut vorbereiteten Tag. Die Geschichten rührten sie an und beide Workshop-Leitenden merkten, dass sie stellenweise an ihre eigenen Grenzen stießen, vor allem beim Thema Belastungsreaktionen und -grenzen.

„Während wir bei hiesigen Notfallseelsorgesituationen und Großschadenslagen davon ausgehen, was nach dem Einsatz zu tun ist und unsere Erfahrungen haben, bleibt bei den Menschen aus der Ukraine die ständige Anspannung“, erklärt Bollmann. „Sie leben ständig mit der Bedrohung. Während wir Bilder im Kopf haben, wie eine ‚normale Belastungskurve‘ verläuft und nach einer gewissen Zeit abflacht, die Beteiligten sich erholen und wir normalisierend und entpathologisierend arbeiten, gibt es für die Menschen aus der Region Mykolajin keine Entspannung. Es ist nicht zu vergleichen.“

Dennoch wurde gemeinsam überlegt, was gehen könnte. So wurde betont, dass es auf manche Fragen keine Antworten gibt; vielmehr gehe es darum, weniger zu reden, die Stille auszuhalten und den Gefühlen Raum zu geben.

Die ganze Wut schlägt ihnen entgegen

„Pavlo, der Bürgermeister, ist sehr betroffen, ebenso wie seine Mitarbeiterin Nataliia aus der Verwaltung und sein Stellvertreter Andrii. Sie sind diejenigen, die die Einberufungen zustellen und schließlich auch diejenigen, die die Todesnachrichten überbringen. Die Trauer überwiegt, mitfühlend tun sie ihren Dienst für ihr Land, aber dann, wenn sie vor der Haustür stehen, kommt ihnen die ganze Wut entgegen. Wir versuchten, zu betonen, dass diese Wut einen anderen Adressaten hat“, so Bollmann.

„Wir staunen auch über die vielen Rituale, die Halt geben und sich strukturgebend auswirken. Wir sprechen davon, dass wir hin und wieder eine Kerze im Gespräch anzünden, was gut geeignet ist, um das Schweigen und den Schmerz auszuhalten und schon so manches Mal das Gespräch eröffnet hat. Bis dahin, dass wir Mut machen, auch auf sich selbst zu achten: Was könnte mir jetzt guttun?“

Christel Gaiser-Wolff lud schließlich ein zu einer Übung ein, die gerne angenommen wurde: entspannt einen Moment lang die Augen zu schließen, sich mitnehmen zu lassen. Auch das durfte und darf sein. Doch bei all dem war eines klar: „Im Vergleich zur kirchlichen Notfallseelsorge ist Seelsorge in Kriegsgebieten viel stärker auf ein dauerhaftes Leben im Ausnahmezustand ausgerichtet: auf Beschuss, Vertreibung, Verlust, Unsicherheit und auf Gemeinden, die auseinandergerissen werden. Unsere Notfallseelsorge ist Teil der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV), sie bringt Struktur ins Chaos: unmittelbar, überkonfessionell, professionell und offen für die spirituelle Dimension.

Im Kriegsfall liegen die Schwerpunkte des Handelns aus seelsorglicher Perspektive dagegen weniger auf der Verarbeitung eines einzelnen Ereignisses, sondern auf Würde, Hoffnung, Orientierung und Gemeinschaft unter fortlaufender Bedrohung. Dazu gehört besonders die Begleitung von Zivilistinnen und Zivilisten, Geflüchteten, Kindern und Soldaten, die Stärkung von Familien und die seelsorgliche Begleitung von Tod, Abschied und Begräbnissen. Wobei auch die Schuldfrage und die Frage nach dem Warum latent mitschwingen.“

Wenn mehr als Seelsorge gebraucht wird

Der ICRC (International Review of the Red Cross) beschreibt religiöse Begleitung im Krieg als moralische und spirituelle Unterstützung; Geistliche übernehmen dort Beerdigungen, letzte Rituale und die Verbindung zu Angehörigen. Kirchliche Hilfsstellen betonen zugleich, dass neben dem Spirituellen auch praktische Bedürfnisse mitgedacht werden müssen: da sein, zuhören, Stille aushalten, beten, segnen, liturgisch und rituell begleiten, Trauer und Klage Raum geben, bei Abschied und Bestattung helfen und den Alltag mittragen. Der ICRC beschreibt, dass diese Arbeit in der Ukraine teils bewusst „mobil“ gedacht wird, als Kirche ohne feste Räume; gleichzeitig wird sie mit medizinischen und psychologischen Fachkräften vernetzt, wenn Menschen mehr als Seelsorge brauchen.

„Zum Abschluss des anstrengenden Workshoptages saßen wir noch beim Essen zusammen“, erzählt Hans Jürgen Bollmann schließlich. „Die Thematik lag wie ein Schatten über den Gesprächen, bei vorangehenden Begegnungen war die Stimmung lockerer. Die Anspannung auszuhalten und die Gefühle zu benennen – das hat Spuren hinterlassen, Erschöpfung wird deutlich. Und wir haben bemerkt, dass unsere Gäste über Dinge gesprochen haben, über die sie sonst nicht (mehr) sprechen.“

Alle sind sich darin einig, dass es einen wertvollen Austausch gegeben hat, eine sehr gute Begegnung, die alle berührt hat und allen nahe gegangen ist. „Wir nehmen ganz viel mit, auch wenn wir nicht alles beantworten konnten, auch wenn unsere Gesamtumstände ganz andere sind. Wir leben in unterschiedlichen Kulturen – aber ganz so weit entfernt ist die Thematik für uns dann auch wieder nicht, wenn wir uns auf verschiedenen Ebenen um die zivile Landesverteidigung Gedanken machen, um ‚vor die Lage zu kommen‘“, bilanziert Hans Jürgen Bollmann.

Samtgemeindebürgermeister Gerd Brauns (von links), Hans Jürgen Bollmann, Pavlo Buzinzki, Bürgermeister der Gemeinde Kryve Osero, und Christel Gaiser-Wolff.