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„Digitale Gewalt ist immer echte Gewalt“

Gewalt im Netz – ein Gespräch mit Achim Blackstein

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Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Gewalt im Netz gegenüber Frauen und weiteren Gruppen innerhalb der Gesellschaft sprach Andrea Hesse, Öffentlichkeitsreferentin im Zentrum für Seelsorge und Beratung in Hannover (ZfSB), mit Achim Blackstein. Er ist Pastor, landeskirchlicher Beauftragter für Digitale Seelsorge und Beratung und zertifizierter Online-Berater (DGOB). Im ZfSB bietet er Webinare zu digitalen Formen der Seelsorge und Beratung und zur KI-Kompetenz an.

ZfSB: Gewalt im Netz – von welchen Formen von Gewalt sprechen wir da eigentlich?

Achim Blackstein: Gewalt im Netz hat viele Gesichter. Wir sprechen zum Beispiel von psychischer Gewalt – also Beleidigungen, Bedrohungen, Mobbing oder gezielten Demütigungen, etwa durch Hate Speech oder Shitstorms. Dann gibt es sexualisierte Gewalt, etwa durch ungewollt zugesandte pornografische Inhalte, Cyber-Grooming oder wenn intime Bilder, z.b. „Dickpics“, oder Videos ohne Einwilligung verbreitet werden, inzwischen auch mithilfe von Deepfakes, wie wir es gerade im Fall um Collien Fernandes erleben. Ein weiterer Bereich ist strukturelle oder systemische Gewalt: also Ausgrenzung, Diskriminierung oder gezielte Desinformation und Hasskampagnen, die sich oft gegen bestimmte Gruppen richten. Und schließlich spielt auch ökonomische Gewalt eine Rolle, zum Beispiel durch Betrug, Erpressung oder digitale Ausbeutung. Man sieht daran: Digitale Gewalt ist sehr vielfältig, aber sie ist immer echte Gewalt. Sie zielt oft darauf ab, Menschen zu verletzen, einzuschüchtern, zum Schweigen zu bringen oder aus dem öffentlichen Diskurs zu drängen. Als Kirche erleben wir, dass solche Angriffe Beziehungen zwischen Einzelnen, aber auch ganze Communities beschädigen. Menschen, die sich engagieren, werden gezielt schlechtgeredet oder lächerlich gemacht, damit sie sich zurückziehen.

Sie sind Pastor und beschäftigen sich als landeskirchlicher Beauftragter mit Digitaler Seelsorge und Beratung, bewegen sich also vorrangig im kirchlichen/diakonischen Raum. Welche Erfahrungen machen Sie – tritt Gewalt hier in ähnlicher Art und Weise in Erscheinung wie gesamtgesellschaftlich?

Ja, digitale Gewalt zeigt sich auch im kirchlichen Raum. Allerdings mit eigenen Ausprägungen. Theologische Konflikte werden in Kommentarspalten oft mit sehr harter Rhetorik ausgetragen, etwa bei Themen wie Geschlechterrollen, Sexualethik oder dem Umgang mit Minderheiten. Dabei wird nicht selten mit Bibelzitaten argumentiert, um abwertende oder verletzende Aussagen moralisch zu legitimieren – zum Beispiel, wenn Gleichstellung als „gegen Gottes Ordnung“ diffamiert wird. Pfarrer*innen, Diakon*innen oder Engagierte etwa in der Geflüchtetenhilfe berichten zudem von gezielten Diffamierungen. Sie werden als „Gutmenschen“ oder „Kirchenverräter“ bezeichnet, wenn sie sich für Inklusion, eine Willkommenskultur oder Klimaschutz einsetzen. Auch in digitalen Gemeindegruppen oder Foren kommt es zu Ausgrenzung, etwa wenn Menschen wegen ihrer Lebensentwürfe, zum Beispiel als queere Christ*innen, angegriffen werden.

Besonders problematisch ist, dass Gewalt im kirchlichen Kontext oft religiös aufgeladen wird. Aussagen wie „Du handelst gegen Gottes Willen“ oder „Du bist nicht bibeltreu“ treffen viele Menschen existenziell. Kritik wird dann nicht mehr sachlich geäußert, sondern abwertend und verletzend. Gleichzeitig inszenieren sich die Angreifenden häufig als „Hüter*innen der reinen Lehre“. Das macht die Angriffe persönlicher – und für Betroffene schwerer zu verarbeiten.

Tritt digitale Gewalt überwiegend in anonymer Form auf oder geben sich diejenigen, die Gewalt ausüben, zu erkennen? Sind sie evtl. sogar stolz auf die empfundene oder tatsächliche Macht, die ihnen das Netz über andere Menschen gibt?

Es gibt beides. Die Möglichkeit, sich im Netz auch mit einem Nicknamen zu bewegen, den eigenen Klarnamen also zu verschleiern oder zu verstecken, schenkt eine Anonymität, die Übergriffe, Grenzverletzungen und Gewalt begünstigt. Täter*innen fühlen sich sicher, das lässt Hemmschwellen sinken. Man meint, unerkannt und anonym einfach sagen zu können, was man will, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und umso eher und umso unverfrorener teilt man dann aus.

In rechtspopulistischen oder verschwörungsgläubigen Kreisen kann man aber auch das Gegenteil erleben: Da nutzen Täter*innen ganz bewusst ihren echten Namen. Sie tun das, um Macht zu demonstrieren und sich als unangreifbar zu zeigen, auch weil sie meinen, eine breite Front der Zustimmung hinter sich zu haben oder weil es unter dem Label „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ läuft.

In den vergangenen Wochen und Monaten rückte immer stärker in den Fokus, dass Männer bei Gewalt im Netz die Täter und Frauen die Betroffenen sind. Entspricht das auch Ihrer Wahrnehmung?

Die Statistiken, z. B. von HateAid oder der Amadeu Antonio Stiftung, zeigen tatsächlich, dass Frauen und FLINTA-Personen (FLINTA = Frauen, lesbische, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen) überproportional häufig von digitaler Gewalt betroffen sind, besonders von sexualisierter Gewalt, Stalking oder Bedrohungen. Männer sind häufiger Täter, aber eben seltener auch Betroffene, z. B. bei politisch motivierter Gewalt oder Mobbing.
Im kirchlichen Raum erleben Frauen in manchen Positionen, z. B. Pfarrerinnen, sexistische Angriffe wie etwa „Die gehört an den Herd, nicht auf die Kanzel“. Queere Menschen, unabhängig vom Geschlecht, erleben gezielte Hetze, besonders in konservativen Kreisen. Wenn Männer z. B. für Gleichstellung oder gegen Rechtsextremismus eintreten, werden sie als „linksliberal“, „Systemlinge“ oder „Verräter“ beschimpft. Männliche Betroffene machen sich, vielleicht noch stärker als Frauen, oft selbst unsichtbar, weil sie sich schämen und nicht über die Gewalt sprechen. Hier braucht es mehr Sensibilisierung.

Welchen Anteil an der Ausbreitung von Gewalt im Netz hat die KI?

KI wirkt wie ein Beschleuniger und Verstärker von Gewalt. Automatisierte Hasskommentare aus „Trollfabriken“, z. B. in Russland oder China, verbreiten gezielt Desinformation und Hassbotschaften. Gleichzeitig können KI-gestützte Tools auch Gegenstrategien unterstützen, etwa durch die automatisierte Erkennung von Hasskommentaren wie bei HateAid oder die Entwicklung von Counter-Speech-Algorithmen.

Die entscheidende Frage ist: Wem dient die KI? Wird sie genutzt, um Gewalt zu verstärken oder um sie zu bekämpfen? Die Algorithmen sozialer Medien binden Menschen auch ohne den Einsatz von KI in sogenannten „Filterblasen“ und zeigen Nutzer*innen immer mehr und manchmal auch immer extremere Inhalte, um sie zu halten. KI kann diese Echo-Kammern noch effektiver gestalten. Schließlich entziehen KI-generierte Inhalte wie etwa Deepfake-Pornos Betroffenen die Kontrolle über ihr Bild und damit auch über ihre Würde.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Gewalt im Netz zunehmend virulent wird? Sind es allein die technischen Möglichkeiten oder müssen wir auch von einer zunehmenden Verrohung im gesellschaftlichen Miteinander reden?

Ist das nicht ein Teufelskreis? Oder eine gefährliche Symbiose aus beidem? Die Technik macht‘s möglich oder zumindest leichter. Sprache verändert das Bewusstsein und so irgendwann auch die Gesellschaft, die dann wiederum die entsprechende Technik nutzt. Das eine bedingt das andere.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang rechtspopulistische/rechtsextreme Parteien und ihre Vorfeldorganisationen?

Rechtspopulisten und Rechtsextreme sind zentrale Akteur*innen der digitalen Gewalt. Rechtspopulistische Gruppen nutzen das Netz gezielt, um Ängste zu schüren, indem Probleme größer dargestellt werden, als sie wirklich sind, indem permanent schlecht über Menschengruppen oder das Land insgesamt gesprochen wird, indem der Eindruck vermittelt wird, sie wären in der Mehrheit und viele würden so denken wie sie.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um der teilweise massiven Gewalt im Netz einen Riegel vorzuschieben? Kann KI dabei vom Problem zu einem Teil der Lösung werden?

Es braucht sicher einen Ansatz auf mehreren Ebenen. Dazu gehören rechtliche Maßnahmen, also eine konsequente Strafverfolgung und klare Regeln für Plattformen. Gleichzeitig müssen soziale Netzwerke stärker in die Verantwortung genommen werden, Hassinhalte schneller zu löschen und Betroffene besser zu schützen. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch Bildung: Medienkompetenz muss vermittelt werden – in Schulen, Kirchengemeinden, Vereinen. Menschen müssen lernen, digitale Gewalt zu erkennen, einzuordnen und ihr zu widersprechen. Und wir alle sind gefragt. Es braucht mehr Mut, digitalen Hass nicht einfach stehen zu lassen, sondern ihm zu widersprechen, durch klare Haltung, durch sogenannte Counter Speech und durch Solidarität mit Betroffenen. Wie schon gesagt: KI kann dabei durchaus Teil der Lösung sein. Aber sie ist kein Allheilmittel. Am Ende geht es um eine Frage der Haltung: Wie wollen wir miteinander umgehen? Und das bezieht eben auch den digitalen Raum mit ein.

Grundlage kirchlichen Handelns ist das christliche Menschenbild, nach dem alle Menschen vor Gott gleichwertig sind. Gibt dieses Verständnis uns als Kirche in besonderer Weise die Möglichkeit, Menschen, die Gewalt im Netz ausüben, in die Schranken zu weisen?

Ja, und ich finde das christliche Menschenbild sehr ermutigend und hoffnungsvoll. Und es kann gerade hier seine Stärken ausspielen. Wir betonen die Gottebenbildlichkeit (1. Mose 1,27). Jeder Mensch ist unantastbar würdevoll. Ganz unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Überzeugung. Darum sind wir auch zur Nächstenliebe (Markus 12,31) aufgerufen. Digitale Gewalt ist ein Angriff auf diese Liebe. Jesus selbst warnt in drastischen Worten vor Verachtung und Herabwürdigung: „Wer seinen Bruder hasst, ist ein Mörder“ (1. Johannes 3,15).

Kirche kann ein Raum der Sicherheit und der Gemeinschaft sein und Räume des Dialogs schaffen, in denen auch mit Täter*innen gesprochen wird. Aber: Versöhnung setzt Wahrheitsfindung und Schuldeinsicht voraus. Menschen können sich ändern und wir als Kirche können hier Möglichkeiten und Rituale für einen Neuanfang stiften. Und vielleicht kann Kirche auch eine prophetische Stimme sein, die digitalen Hass öffentlich anprangert und zur Umkehr aufruft.

Können Sie Personen, die von Gewalt im Netz betroffen sind, Empfehlungen geben?

Durchatmen und Ruhe bewahren, auch wenn es schwerfällt. Und dann sind Screenshots und Links wichtig, also digitale Spurensicherung. Sichern Sie alles, was Sie sammeln können. Auch Zeug*innen. Erzählen Sie Vertrauenspersonen wie Freund*innen, Familie und Gemeinde, was man mit Ihnen macht. Bitten Sie andere Menschen, sich das anzusehen, was Ihnen geschickt wurde oder was Sie gerade erleben. Das ist wichtig für Beweise und Strafverfolgung. Denken Sie dran: Die Scham muss die Seite wechseln! Nicht Betroffene sollten sich schämen, sondern die Täter*innen.
Schützen Sie, so gut es geht, Ihre Privatsphäre durch entsprechende Einstellungen in sozialen Medien und Apps. Nutzen Sie die Zwei-Faktor-Authentifizierung. Blockieren und melden Sie Täter*innen bei den Plattformen. Und bei Bedrohungen zögern Sie nicht, die Polizei oder Beratungsstellen wie HateAid oder den Weißen Ring zu kontaktieren. Vielleicht können Sie sich auch psychologische Hilfe suchen, z. B. Hilfetelefone oder den Krisenchat für Jugendliche, oder Seelsorge in Anspruch nehmen. Und nicht zuletzt ist Selbstfürsorge wichtig: Pausen einlegen, Schuldgefühle ablegen, Durchatmen, sich vernetzen.

Ist Seelsorge ein geeignetes Mittel, um Menschen mit Erfahrungen von digitaler Gewalt zu stärken? Kann das auch präventiv geschehen – etwa für die LGBTQIA+-Community, die in Niedersachsen und bundesweit zunehmender Gewalt in digitaler und physischer Form ausgesetzt ist?

Seelsorge ist haltende Begleitung. Sie schafft und hält einen Schutzraum, sie stärkt den Menschen. Dafür ist sie da. Und wir haben viele gut ausgebildete beruflich und auch ehrenamtlich Tätige in unserer Kirche, die man gerne ansprechen darf. Ein Seelsorgegespräch, ob in Präsenz oder in den digitalen Kanälen, kann Menschen helfen, seelische Verletzungen anzusprechen und dann zu spüren: Ich bin nicht allein. Durch das Zuhören und Bestätigen, etwa durch den Satz „Das, was dir passiert ist, ist nicht in Ordnung“, wird die verletzte Würde gestärkt. Und nicht zuletzt helfen unsere spirituellen Ressourcen: Gebet, Bibeltexte, z. B. Psalmen der Klage, oder Rituale können Trost und Halt geben.

Ich bin sicher, dass diese Form der Gemeinschaftsbildung auch präventiv wirken kann. Wenn sich z. B. queere Kirchengruppen zusammentun und füreinander einstehen, sich vernetzen und Räume öffnen und so die Sichtbarkeit stärken, können Menschen erleben, dass sie hier in der Kirche willkommen und angenommen sind.

Mit HateAid gibt es eine große zivilgesellschaftliche Organisation, die von digitaler Gewalt betroffene Personen unterstützt. Gibt es etwas Ähnliches auch auf Ebene der hannoverschen Landeskirche oder der EKD? Falls nicht – halten Sie die Einrichtung einer solchen Stelle für erforderlich? Und wo sollte sie angedockt werden?

Es gab und gibt immer wieder entsprechende Projekte und Aktionen, auch auf lokaler Ebene. Eine zentrale Anlaufstelle wie HateAid gibt es aktuell in der Landeskirche Hannovers oder der EKD noch nicht. Trotzdem findet man Hilfsangebote und Informationsmöglichkeiten. So zum Beispiel die Psychologischen Beratungsstellen der Kirchenkreise und der Diakonie. Dann gibt es natürlich die Telefonseelsorge oder die Chatseelsorge, die ein offenes Ohr für betroffene Menschen anbieten. Die Zentralstellen für Weltanschauungsfragen können Orientierung bieten, genauso wie das Team „Demokratie und Frieden“ in der Evangelischen Agentur in Hannover oder auch die Initiative „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ Niedersachsen (IKDR). Und sicher gibt es noch mehr.

Digitale Gewalt ist kein technisches Problem, sondern ein menschliches und damit eine theologische Herausforderung. Unsere Kirche kann hier eine wichtige Rolle einnehmen, indem sie Hass benennt, Betroffene stärkt und Täter*innen zur Umkehr ruft. Gleichzeitig muss sie sich selbst kritisch fragen: Wo schweigen wir? Wo tolerieren wir Macht und Gewalt, eventuell auch in unserer eigenen Sprache und unseren eigenen Reihen?

Pastor Achim Blackstein

DGOB-Zertifikatskurs

Unter dem Titel „Digitale Seelsorge und Beratung lernen“ bietet das ZfSB als erste Einrichtung in der hannoverschen Landeskirche eine Weiterbildung an, die den Richtlinien der Deutschsprachigen Gesellschaft für psychosoziale Online-Beratung (DGOB) entspricht und mit einem Zertifikat abschließt. Geleitet wird diese Weiterbildung von Achim Blackstein; alle Infos dazu sind in einem Flyer zu finden.