Foto: Andrea Hesse

„Alter und Demenz sind Zukunftsthemen“

Dänische Pastorin nimmt viele Anregungen für die Altenseelsorge mit

Mette Gautier (links) und Anita Christians-Albrecht sprechen im Zentrum für Seelsorge und Beratung über Anregungen und Impulse für die Altenseelsorge. Foto: Andrea Hesse

Mette Gautier ist eine Kämpferin mit viel Herzblut: „Ich habe noch 16 Jahre zum Kämpfen“, sagt die 54-Jährige und meint damit die Berufsjahre, die bis zum Ruhestand noch vor ihr liegen.

Gautier ist Gemeindepastorin in der dänischen Stadt Skive, gelegen am Limfjord in Jütland. Auf ihrem Gemeindegebiet liegt ein größeres Pflegeheim mit einem Schwerpunkt auf der Pflege schwer demenzerkrankter Menschen. Nicht zuletzt aus den hier gemachten Erfahrungen kämpft die Seelsorgerin dafür, dass alte Menschen in der Kirche nicht aus dem Blick geraten – und hat in Pastorin Anita Christians-Albrecht, Beauftragte für Altenseelsorge in der hannoverschen Landeskirche, eine Mitstreiterin gefunden.

Schwerpunkt Netzwerkarbeit

Im September 2025 kam Mette Gautier mit einer Delegation von insgesamt 13 Pastor*innen und einer Kirchenmusikerin aus Dänemark nach Deutschland. Die Gruppe besuchte unter anderem das Michaeliskloster in Hildesheim und das Zentrum für Seelsorge und Beratung in Hannover. Hier wurde sie von Christians-Albrecht begleitet, die sich gerne an diesen Tag erinnert: „Wir hatten einen sehr lebendigen Austausch, und die Zeit verging wie im Flug.“ Einen Schwerpunkt bildete die Netzwerkarbeit der Altenseelsorge für Demenzbetroffene und ihre Angehörigen in der hannoverschen Landeskirche; gerne möchten Seelsorger*innen in Dänemark etwas Ähnliches aufbauen.

Foto: Andrea Hesse

In den Gesprächen ging es auch um unterschiedliche Strukturen innerhalb der evangelischen Kirchen in Deutschland und Dänemark: „Wir haben eine Staatskirche, die sich anders finanziert als die deutschen Kirchen“, sagt Gautier. „Dennoch geht es bei uns ganz genauso um die Verteilung von Geldern und die damit verbundenen Schwerpunkte.“ Seelsorge als Muttersprache der Kirche habe überall dort, wo sie in den Sozialraum hineinwirke, große Bedeutung für die Menschen; die geplanten Kürzungen der Kirchen würden dazu nicht passen.

Den Fokus nicht nur auf junge Menschen legen

Ein paar Monate nach dem Delegationsbesuch nahm sich die dänische Pastorin eine berufliche Auszeit und verbrachte einen Monat in Hannover, beschäftigte sich hier insbesondere im Zentrum für Seelsorge und Beratung mit der Altenseelsorge. „Alter und Demenz sind Zukunftsthemen, und sie müssen von der Kirchenleitung auch als solche wahrgenommen werden“ – so lautet die gemeinsame Überzeugung von Gautier und Christians-Albrecht. Natürlich brauche es auch den Fokus auf junge Menschen; dieser dürfe jedoch nicht gegen die Arbeit mit älteren und alten Menschen ausgespielt werden. „Ich habe sieben Jahre lang für die Einrichtung einer Stelle für die Altenseelsorge und die Seelsorge mit Demenzbetroffenen gekämpft – vergeblich“, erzählt Gautier. Resignation ist dennoch nicht ihre Sache: Die Seelsorge mit alten und demenzkranken Menschen hat sie zu einem Schwerpunkt innerhalb ihres Gemeindeauftrages entwickelt.

Am Rande der Loccumer Tagung "Seele stärken – We care!" tauschte sich Mette Gautier mit Schwester Carola Beermann über die biographische Arbeit mit Erzähldecken aus. Foto: Andrea Hesse

In Dänemark gebe es keine Tradition ausgebildeter, kompetenter ehrenamtlich Mitarbeitender – ein Problem, da sich die „neuen Alten“ nicht mehr mit dem klassischen Servieren von Kaffee und Kuchen zufriedengeben wollten, berichtet Gautier. Sie hält die Abgabe von mehr Verantwortung an Ehrenamtliche für notwendig, einfach sei das in einer Pastor*innenkirche wie der dänischen aber nicht. Christians-Albrecht ergänzt das um einen weiteren Aspekt: „Wir haben das Gefühl, dass die Kirche eigentlich andere Menschen will als uns“ – diesen Satz habe sie schon häufig von älteren Gemeindemitgliedern gehört. Sie selbst begreift es als Schatz, dass eine neue Generation von Alten in der Kirche herangewachsen ist: eine weiterhin wachsende Gruppe von Menschen, die vieles mit aufgebaut hat, vieles durch ihre Spenden finanziert und sich nun einbringen und beteiligen will.

Netzwerken über Fachgebiete hinweig

Mittlerweile ist Mette Gautier nach Hause zurückgekehrt – und hat vieles mitgenommen. Vor allem das Erstaunen darüber, dass Pastor*innen und ehrenamtlich Mitarbeitende in Deutschland gemeinsam Fortbildungen besuchen und miteinander arbeiten wollen; aber auch Anregungen für demenzsensible Gottesdienste, die biographische Arbeit mit Erzähldecken und vor allem den Netzwerkgedanken. „Unsere Verantwortung als Mitarbeitende in der Spezialseelsorge ist es, Ideen und Methoden einzubringen, die dann in den Gemeinden Kreise ziehen – wir müssen Vordenker*innen, Ideengeber*innen und Multiplikator*innen sein“, sagt Anita Christians-Albrecht. „Ihr seid so gut im Netzwerken über Fachgebiete hinweg“, erwidert ihre dänische Kollegin. „Ich nehme viele Anregungen mit.“

Der Abschied fiel beiden am Ende nicht ganz leicht: „Unsere gemeinsame Begeisterung für das Thema hat mich in meiner Haltung bestärkt“, sagt Christians-Albrecht. „Ich wünsche mir einen dauerhaften Austausch zwischen dänischen und deutschen Pastor*innen und Kirchenmusiker*innen“, ergänzt Gautier.