„Ich bin Christin – das verpflichtet mich“

Nachricht 09. Juni 2026

Gottesdienst am Vorabend des CSD / Mehr als 10.000 Menschen beim Umzug

Foto: Nele Balke

Erstmals lud die Queersensible Seelsorge der hannoverschen Landeskirche in diesem Jahr zu einem besonderen Gottesdienst am Vorabend des Christopher Street Day (CSD) in die Marktkirche in Hannovers Altstadt ein.

Mit einem Schuldbekenntnis vor Gott eröffnete Landesbischof Ralf Meister den Gottesdienst. Im Gebet bekannte er das Versagen der Kirche gegenüber queeren Menschen und bat um Veränderung, Heilung und Versöhnung. „Wir haben Menschen verletzt. Wir haben sie ausgegrenzt, ihre Liebe in Frage gestellt, ihre Identität abgewertet“, so Meister. Die Kirche habe „Angst über Menschlichkeit gestellt. Und Ordnung über Würde“.

„In Zeiten, in denen queeres Leben erneut unter Druck gerät und Diskriminierung wieder zunimmt, schlagen wir mit diesem Gottesdienst einen deutlichen Pflock ein“, betonte Theodor Adam, landeskirchlicher Beauftragter für Queersensible Seelsorge und Beratung im Zentrum für Seelsorge und Beratung. „Wir glauben, dass der Himmel allen Menschen offensteht, unabhängig von ihrer Geschlechtlichkeit und ihren Liebesformen, und dass in Gottes Reich niemand bevorzugt oder benachteiligt wird. Das wäre auch schon jetzt wunderbar, daher haben wir den Gottesdienst unter die Forderung ‚Mehr Himmel auf Erden‘ gestellt.“

Foto: Nele Balke

Die hannoversche Landeskirche versteht sich al dialogorientierte Kirche, die sich klar an die Seite queerer Menschen stellt und gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung versteht – diese Haltung wurde im Gottesdienst deutlichgemacht. Vielfalt zeigte sich auch in der musikalischen Gestaltung: Von klassischer Kirchenmusik bis Pop war vieles dabei. „Wenn wir von ‚Mehr Himmel auf Erden‘ singen, dann geschieht das in solchen Momenten. Genau hier, wo unterschiedliche Stimmen, Musik und Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas von dieser Hoffnung erfahrbar wird“, erklärte Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel.

„Ich bin nicht queer. Aber ich bin Christin – und das verpflichtet mich. In einer Welt, in der rechte und fundamentalistische Kräfte die Menschenwürde queerer Menschen wieder offen angreifen, kann Kirche nicht bei sich selbst bleiben“, sagt Mit-Initiatorin Pastorin Christine Schröder. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung sollte der Gottesdienst öffentlich einstehen für Respekt, Sichtbarkeit und ein friedliches Miteinander in Vielfalt.

Foto: Nele Balke

Auch Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes und „Meine Herr’n – der schwule Männerchor Hannover“ gestalteten den Gottesdienst mit. Im Anschluss waren alle Besucher*innen zu Sekt und Brause unter der Orgelempore eingeladen.

Am folgenden Sonnabend beteiligten sich zwischen 10.000 und 14.000 Menschen am CSD-Umzug durch die Landeshauptstadt und bis Sonntag wurden auf mehreren Bühnen ein weiterer Gottesdienst und viele bunte Programmpunkte angeboten. Auch die „Bauwagenkirche“ stand wieder zum Sich-stärken-segnen-und-beschenken-Lassen in stürmischen Zeiten bereit.

Quelle: Kirchenkreis Hannover / epd Niedersachsen-Bremen