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Foto: Andrea Hesse

Seelsorge hinter Gittern

Nachricht 18. Oktober 2018

Pastor Friedrich Schwenger arbeitet in der Forensischen Psychiatrie

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Pastor Friedrich Schwenger

„Pastor, hast du Tabak für mich?“ Es ist eine Frage, die Friedrich Schwenger oft zu hören bekommt. Auch nach Kaffee werde er gefragt, sagt der Seelsorger im Maßregelvollzugszentrum in Moringen. Die Frage ist durchaus ernst gemeint – zugleich dient sie häufig als Einstieg in Gespräche, in denen die Häftlinge und Bediensteten der Anstalt dem Pastor ihr Herz öffnen.

Für viele Häftlinge bietet das Gespräch mit den Gefängnisseelsorgern ein Ventil, um über Probleme und Gefühle zu sprechen, die sie sonst niemandem anvertrauen mögen, erklärt Schwenger. Etwa über Entscheidungen der Verwaltung, die der Gefangene nicht nachvollziehen kann. Oder über Probleme mit den Angehörigen, über die eigene Ohnmacht. Wut, Frust, Trauer, Einsamkeit treten an die Oberfläche.

Weil im Gefängnis die Selbstmordrate höher ist als „draußen“ in der Gesellschaft, kommt der Seelsorge hier eine besondere Bedeutung zu. Nicht immer können die Seelsorger helfen: 2017 setzten sieben Häftlinge landesweit ihrem Leben ein Ende, bis Mitte Mai dieses Jahres begingen bereits fünf Menschen während ihrer Haft Suizid. Insbesondere in den ersten 14 Tagen der Untersuchungshaft sei das Risiko hoch, dass sich Menschen selbst töteten, so Schwenger. Das komme auch dann vor, wenn langjährige Häftlinge eine Art Bilanz ihres Lebens ziehen.

„Wenn ein Suizid in einer Anstalt passiert, ist das ein Schaden für alle Seiten – für den Gefangenen, für die Familie, aber auch für die Angestellten einer Haftanstalt“, betont der Theologe. Jeder Selbst-mord ziehe eine Untersuchung nach sich, „alle versuchen, zu begreifen, was passiert ist und war-um.“ Wichtig ist dem Pastor, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und damit Schuldzuweisungen auszusprechen: „Man kann nur hoffen, dass der Gefangene von sich aus die Signale sendet und dass der Seelsorger die Signale hört.“ Für Untersuchungshäftlinge gebe es zudem eine Telefonseelsorge, die direkt aus der Zelle erreichbar sei.

29 evangelische und katholische Geistliche kümmern sich um die Menschen in Niedersachsens Justizvollzugsanstalten. 250 Häftlinge kommen im Schnitt auf einen Seelsorger, der neben Gesprächen auch Bibelkreise und Gottesdienste anbietet. Angesprochen sind neben den Bediensteten der Anstalten Gefangene aller Religionen: „Wir fühlen uns für alle zuständig“, so Pastor Schwenger. An der Finanzierung beteiligen sich neben dem Justizministerium auch die Landeskirchen Hannover, Braunschweig und Oldenburg sowie die evangelisch-reformierte Kirche.

„Schuld und Scham gehören immer zusammen“, sagt Schwenger über seine Gespräche mit Inhaftierten. Viele würden zunächst eine direkte Auseinandersetzung mit ihren Taten vermeiden, sie setzten „immer neue Masken auf“, um sich nicht schämen zu müssen. Ziel ist es, dieses Versteckspiel zu durchbrechen: „Seelsorge bietet hier eine gute Möglichkeit, im Gespräch sensibel zu machen, um ein Schuldbewusstsein zu fördern“, sagt Schwenger. Mit dem Inhaftierten reflektiert er dessen Handeln, versucht so, die Voraussetzungen für eine Versöhnung zwischen Tätern und Opfern zu schaffen.

Seelsorge habe im Knast einen speziellen Status. Oft würden er und seine Kollegen hinter Gittern als „Himmelskomiker“ bezeichnet. Das findet Schwenger nicht schlimm: „Wie eine Art Hofnarr im Mittelalter“, so der Pastor, seien es die Seelsorger, denen man alles erzählen könne. Sie sind unabhängig von der Gefängnisleitung und haben eine Schweigepflicht.

Text: Thorge Rühmann, Evangelische Zeitung