Schwerhörigenseelsorge

Schwerhörigenseelsorge ermuntert, begleitet und berät

"Ich verstehe Sie nicht. Ich bin schwerhörig.“ Wer sich traut, diese Sätze auszusprechen, ist auf gutem Weg. „Können wir gemeinsam eine Situation schaffen, in der ich Sie verstehen kann?“ Wer sich auch noch diesen Satz zu sagen traut, hat das Ziel fast erreicht.

Schwerhörigenseelsorge ermuntert schwerhörige Menschen, selbstbewusst und offen mit ihrer Einschränkung umzugehen. Sie stärkt sie in dem Wissen, dass sie als Geschöpfe Gottes in ihrer Einschränkung nicht nur vollständig angenommen, sondern auch als Bereicherung angesehen werden.

Sie begleitet und berät Angehörige von Schwerhörigen. Sie schafft in einer Kirche des gesprochenen Wortes die Möglichkeit, dieses Wort für Schwerhörige adäquat „auszusprechen“ und bedient sich dazu bei Gottesdiensten, in Andachten und in der Seelsorge auch nonverbaler, digitaler Kommunikationsformen.

Schwerhörigenseelsorge trägt mit Vorträgen im kirchlichen und außerkirchlichen Kontext dazu bei, dass das Thema Schwerhörigkeit in Kirche und Gesellschaft vernetzt wahrgenommen wird.

Regelmäßig unregelmäßig: Ermunterungstexte

Beate Gärtner schreibt als Beauftragte für Schwerhörigenseelsorge regelmäßig unregelmäßig Ermunterungstexte. Einige dieser Texte werden auf dieser Seite veröffentlicht (unten); in der Spalte rechts finden Sie den Link zum Download.

Alle Ermunterungstexte werden über einen dafür eingerichteten Verteiler verbreitet. Wer in diesen Verteiler aufgenommen werden möchte, schreibe eine kurze Mail an Beate.Gaertner@evlka.de.

Geflüster

Bild: Beate Gärtner / ChatGPT

Zu Beginn des Jahres habe ich meinen festen Ohrenarzttermin. Dann lasse ich überprüfen, wie es um mein Hörvermögen steht. Also: Ob meine Hörkurve sich verändert hat, wie gut ich Töne, Zahlen und Einsilber mit und ohne Störgeräusch höre, und ob ich eventuell zum Hörakustiker muss, um meine Hörgeräte neu einstellen zu lassen.

Diese Woche war es wieder so weit. Ich bin zu meinen Ohrenarzt gegangen, und dort hat mich die Sprechstundenhilfe erst einmal ins Wartezimmer geschickt. Da saßen bereits zwei ältere Frauen. Offensichtlich kannten sie sich, denn sie unterhielten sich angeregt.

Als ich gerade meine Jacke an die Garderobe hängte, hörte ich, wie die eine sagte: „Mit meinen Hörgeräten klappt das überhaupt nicht. Die sind viel zu laut. Und im Lokal höre ich mit denen nichts. Der Doktor muss mir neue verschreiben!“ Die andere Frau nickte verständnisvoll, sagte dann aber: „Mit meinen bin ich richtig zufrieden.“

Ich setzte mich auf einen freien Platz und wollte mir gerade eine Zeitschrift nehmen, da fingen die Hörgeräte der unzufriedenen Frau leise zu pfeifen an. Oh, da passen wohl die Ohrstücke nicht mehr richtig in die Ohrmuscheln, dachte ich gerade, als ich plötzlich hinter dem leisen Pfeifen ein fiependes Stimmchen vernahm.

Ob ihr es mir nun glaubt oder nicht, aber die Hörgeräte der unzufriedenen Frau redeten! „Das ist ja wohl die Höhe!“, beklagten sie sich flüsternd. „Die will uns loswerden! Dabei sind wir einwandfrei!“

Ich fragte mich gerade, an wen sich diese empörten Worte richteten, da hörte ich, wie die Hörgeräte der zufriedenen Frau leise zurückflüsterten: „Ihr liegt ja auch die meiste Zeit in ihrer Nachttischschublade.“

„Ja“, flüsterten die anderen Hörgeräte zurück. „Sie nimmt uns da eigentlich nur raus, wenn sie die Wohnung verlässt. Weil sie meint, dass sie uns nicht braucht, wenn sie alleine ist.“

„Dann ist es natürlich kein Wunder, dass sie euch viel zu laut findet. Ihr Gehirn hat ja gar keine Chance, sich an euch zu gewönnen“, entgegneten die Hörgeräte der zufriedenen Frau.

„Aber macht ihr das mal klar“, klagten die Hörgeräte der unzufriedenen Frau. „Auf uns hört sie jedenfalls nicht. Ihr könnt von Glück sagen, dass ihr bei eurer seid. Die macht euch gleich morgens rein und erst abends wieder raus.“

„Das sind wir auch“, flüsterten die anderen Hörgeräte zurück: „Obwohl das manchmal auch gefährlich ist. Zweimal stand sie mit uns schon unter der Dusche. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schnell sie da wieder raus gesprungen ist …“

Die Hörgeräte der unzufriedenen Frau lächelten wehmütig. „Wie gerne würden wir solche Erfahrungen auch machen …“

Dann fuhren sie fort: „Und das mit dem Lokal. Wo sie mit uns angeblich gar nichts hört. Da hat sie uns noch nie auf unser zweites Programm umgestellt. Das hätte die Umgebungsgeräusche ja ein bisschen runtergepegelt.“

Die Hörgeräte der zufriedenen Frau forschten: „Und sie weiß wahrscheinlich auch gar nicht, dass ihr T-Spulen habt? Mit denen sie eine Funkmikrophon-Anlage koppeln könnte, wenn ihr tatsächlich mal an eure Leistungsgrenze kommt.“

„Nee, das weiß sie nicht“, entgegneten die Hörgeräte der unzufriedenen Frau. „Unsere T-Spulen sind auch gar nicht aktiviert. Deshalb kann sie die auch nicht nutzen.“

Die Hörgeräte der anderen Frau flüsterten mitfühlend: „Ihr tut uns wirklich leid! Und wir wünschen euch so sehr, dass sich für euch im neuen Jahr alles zum Guten wendet!“

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Wartezimmers und die unzufriedene Frau wurde aufgerufen. Die Sprechstundenhilfe musste ihren Namen ein zweites Mal sagen, weil sie ihn beim ersten Mal nicht verstand.

Als sie gerade durch die Tür des Wartezimmers ging, riefen die Hörgeräte der zufriedenen Frau ihren Hörgeräten nach: „Vielleicht rät der Arzt ihr ja, dass sie euch schon morgens rein- und erst abends wieder rausnehmen soll. Und informiert sie über T-Spulen. Wir wünschen euch jedenfalls viel Glück!“

Dann schloss sich die Tür des Wartezimmers und ich dachte: Das war ja eine höchst interessante Unterhaltung. Und dann: Was meine Hörgeräte wohl gesagt hätten, wenn sie sich an dieser Unterhaltung beteiligt hätten? 😉

Ihre Ansprechpartnerin

Pastorin Beate Gärtner
Tel.: 0170 6709550

Landeskirchliche Beauftragte für Schwerhörigenseelsorge

Über die Mauer der Schwerhörigkeit springen

Die Ausgabe Nr. 34 der Zeitschrift „SeelsOHRge“ der Evangelischen Schwerhörigenseelsorge in Deutschland steht unter der Überschrift „Quando, quando, quando?“. 

„Es macht einen Unterschied, wann man schwerhörig geworden ist“, heißt es im einleitenden Text. Redakteurin Antje Donker führte dazu ein Gespräch mit Pastorin Beate Gärtner.

Zum Interview