Immer weniger Menschen können sich heute noch etwas unter dem Begriff „Seelsorge“ vorstellen. Sie kommen deshalb oft auch nicht auf die Idee, einen Gesprächstermin mit der Gemeindepastorin oder dem Pastor zu vereinbaren. Gleichzeitig aber nehmen seelische Nöte zu. So viel Unausgesprochenes und so viele ungeweinte Tränen lasten schwer auf der Seele. Wie also kann ein ganz niedrigschwelliges Seelsorgeangebot aussehen, bei dem es ums Zuhören, Wahrnehmen und gemeinsame Aushalten geht?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen entstand im Kirchenkreis Lüneburg die Idee der „Ansprech:bar“. Von den ersten wärmeren Tagen im Frühling bis zu den letzten goldenen Oktobertagen macht die Anprech:bar jeweils einmal in der Woche für zwei bis drei Stunden Station an ganz verschiedenen Orten im öffentlichen Raum: vom Kurpark bis zum Stadtteilzentrum, vom Weg zwischen Musikschule und Theater bis zum Friedhof. Dabei machen die Mitarbeitenden immer wieder die Erfahrung, dass das Gesprächsangebot bzw. das Angebot des Zuhörens auf Friedhöfen besonders gut angenommen wird.
"Wir werden wahrgenommen und wiedererkannt"
„Wir erleben aber auch, dass wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen und (wieder-)erkannt werden“, sagt Annette Köster, Diakonin in der Krankenhausseelsorge im Kirchenkreis Lüneburg. „Immer wieder mal hören wir von vorbeigehenden Personen, dass sie die Ansprech:bar für ein tolles und sinnvolles Projekt halten – auch wenn sie selbst jetzt gerade kein Gespräch brauchen.“
Die Gespräche vor Ort ergeben und entwickeln sich unterschiedlich: „Manchmal werden wir angesprochen, und manchmal möchten Vorbeikommende von uns angesprochen werden“, erklärt Annette Köster. Hin und wieder bleibt es beim Small-Talk mit dem Austausch von Freundlichkeiten; meistens jedoch entwickelt sich ein intensives Gespräch über eine konkrete Sorge, den Schmerz über einen Verlust – „eben über etwas, wovon das Gegenüber schon mal sagt ‚Darüber habe ich noch nie mit jemandem gesprochen‘“, wie die Diakonin sagt. Es komme aber auch vor, dass sich an einem Nachmittag niemand ansprechen lässt.
Wenn es gut läuft, dann komme es bei einem Termin zu drei längeren Gesprächen, so Köster. Da könne sich der Gedanke aufdrängen, dass dies nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein sei. Aber auch, wenn dies grundsätzlich stimme – für drei Menschen habe es den Tag verändert.
"Es lohnt sich immer"
„Mir hat schon mal jemand bei der Verabschiedung gesagt ‚Sie sind der erste Mensch, mit dem ich heute überhaupt geredet habe. … Ist ja sonst niemand mehr da‘. Dann weiß ich, es hat sich gelohnt“, erzählt Köster. Und: „Es lohnt sich immer – für die ein, zwei oder drei Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme.“ Was sie auch erlebt, sind Personen, die sich positiv überrascht dazu äußern, dass sie ja nichts von ihm oder ihr wolle, ja zu gar nichts überreden würde. „Auch das ist für mich eine Bestätigung, dass wir mit unserer Ansprech:bar eine richtig gute Idee umsetzen.“
„Wir“, das sind aktuell drei Pastor*innen und vier Diakoninnen, zwei von ihnen im Ruhestand. Zu siebt decken sie etwa 28 Wochen im Jahr ab. Hinzu kommen größere Veranstaltungen im Kirchenkreis, zu denen die Ansprech:bar eingeladen wird, z.B. zur Vesperkirche, zum Tag der älteren Generation, zur Themenwoche Tod und Sterben, zum Ewigkeitssonntag. Um abhängig vom Wetter und dem je eigenen Terminkalender entscheiden zu können, wann der passende Tag einer Woche ist oder um den dann auch mal spontan ausfallen lassen zu können, wird weder in der örtlichen Presse noch über Social-Media-Kanäle veröffentlicht, wann die Ansprech:bar wo zu finden ist. „Damit waren wir anfänglich nicht ganz zufrieden, aber inzwischen haben wir es schätzen gelernt, abzuwarten, ob sich etwas ergibt. Und meistens ergibt sich etwas“, sagt Annette Köster.