Seelsorge in der Geburtsklinik

Wie können Seelsorgende in der Geburtshilfe unterstützen?

Wie können Seelsorgerinnen in einer Geburtsklinik Eltern vor, während und nach einer Geburt unterstützen und stärken? Welche Rolle können sie nach der Geburt eines toten oder kranken Kindes übernehmen? Und wie stehen sie beruflich Mitarbeitenden der Klinik zur Seite?

Zu diesen und weiteren Fragen führte Alexander Nortrup, Mitarbeiter der Evangelischen Medienarbeit (EMA) der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, ein Gespräch mit Petra Ziehe. Die 59-Jährige ist Diakonin und Religionspädagogin; seit fünf Jahren ist sie für das evangelische Unternehmen DIAKOVERE als Seelsorgerin unter anderem in der Geburtshilfe tätig. Zuvor war sie Krankenhausseelsorgerin in der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Die Einblicke, die Petra Ziehe hier in ihre Tätigkeit als christliche Seelsorgerin in einer geburtshilflichen Einrichtung gibt, stehen stellvertretend für Krankenhausseelsorgerinnen und
-seelsorger in unterschiedlichen Einrichtungen der Geburtshilfe“, sagt Pastorin Petra Eickhoff-Brummer vom Zentrum für Seelsorge und Beratung. Als Beauftragte für die Krankenhausseelsorge in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist sie Ansprechperson für zahlreiche Mitarbeitende in der Krankenhausseelsorge.

"Für Kinder, die ihre Spuren in unseren Herzen hinterlassen": Geburtsurkunden für ein Sternenkind. Foto: Marcel Domeier

Frau Ziehe, Sie arbeiten als Seelsorgerin in der Geburtshilfe einer großen Klinik. Was können Sie konkret für Eltern und Zugehörige tun?

Zunächst einmal ist Seelsorge hier nicht ausschließlich fokussiert auf Krisen und Verluste. Die Allermeisten erleben ja das freudige, prägende Erlebnis der Geburt ihres Kindes. Wir möchten sehr gern präsent sein und diese Freude teilen. In unserer Geburtsklinik HENRIKE haben wir eingeführt, Neugeborene zu segnen, wenn Eltern das wünschen. Da haben wir schon sehr berührende Situationen erlebt. Eltern zu werden ist mit neuer Verantwortung und manchmal Sorgen und Fragen verbunden. Wir Seelsorgenden hören zu und können helfen, zu strukturieren, zu klären oder zu entlasten.

Geburten sind ja auch in weiten Teilen Geduldssache – wie begleiten Sie als Seelsorgerin die Situation der wartenden werdenden Eltern?

Wir wollen im Gespräch insbesondere den Frauen Mut machen, ihre Selbstwirksamkeit zu entwickeln. In der Klinik und auch während einer Geburt sind sie oft mit Abläufen konfrontiert, die sie abwarten müssen und bei denen sie scheinbar gar nichts tun können. Wir ermuntern sie dann, ihre Aufgabe und sich selbst in alledem zu finden. Dabei nehme ich natürlich auch die Väter in den Blick.

Menschliche Zuwendung ist auch nach einer Geburt elementar – nicht nur, aber gerade dann, wenn Geburten als belastend erlebt wurden. Geburten verlaufen oftmals anders als im Vorfeld erhofft, Frauen sind durch den Geburtsverlauf möglicherweise seelisch verunsichert. Als Seelsorgerin höre ich zu, helfe den Frauen, sich selbst zu verstehen und ihre unterschiedlichsten Gefühle aussprechen zu können. Das machen übrigens nicht nur wir Seelsorgenden, sondern alle professionell Beteiligten.  

Einladung zu einer Gemeinschaftsbestattung von Sternenkindern. Foto: Marcel Domeier

Krisen und dramatische Situationen sind in der Geburtshilfe letztlich nie auszuschließen. Wie gehen Sie damit um, was können Sie dann tun?

Da gibt es ein großes Spektrum. Not-Kaiserschnitte etwa können Frauen als traumatisch erleben, weil alles sehr schnell gehen muss. Dann fühlen sie sich oft sehr passiv und haben unter Umständen nachgeburtlich viel zu verarbeiten. Im seelsorglichen Gespräch bieten wir Unterstützung bei der Bewältigung an. 

Und dann gibt es leider nicht nur freudige, sondern auch stille Geburten. Damit ist gemeint, dass ein Kind vor, unter oder nach der Geburt stirbt. Und da gilt es umso mehr, präsent zu sein, wenn die Eltern das möchten. Wenn etwa solche Diagnosen schon vor der Geburt feststehen, ist immer meine Hoffnung, gemeinsam auszuhalten, was kaum aushaltbar ist und sprachfähig zu werden, wenn es für die Eltern eigentlich keine Worte gibt. Der Tod eines Kindes ist sicher eine der größten Krisen, die sie durchmachen. Und trotzdem geht es dann auch um praktische Fragen: Wie ist ein Abschied für die Familie möglich? Was kommt jetzt organisatorisch auf uns zu?

Welche Rolle können Sie in diesen enorm herausfordernden Momenten übernehmen?

Ich biete immer an, das Kind zu segnen, es gemeinsam noch einmal anzuschauen. Wir Klinikmitarbeitenden sind alle manchmal die einzigen Zeuginnen oder Zeugen des Kindes und der Elternschaft. Auch wenn das Kind erst ganz klein war und früh gestorben ist: Da ist ganz viel Liebe und die Eltern wissen oft nicht, wohin damit. Es braucht Zeit, das zu realisieren. Dabei helfen wir. 

Zweimal jährlich feiern wir auf dem Stöckener Friedhof die gemeinsame Beerdigung von Sternenkindern, die tot zur Welt gekommen sind, unter 500 Gramm gewogen haben und kein einzelnes Grab bekommen. Und dieses Abschiednehmen praktizieren wir auch in der Klinik: Es hat schon einmal eine Mutter ihr Kind selbst in den Kindersarg gebettet, als der Bestatter kam. Man muss immer fantasievoll und offen schauen, wer gerade was braucht.

Körbchen und liebevoll genähte Kleidung für ein Sternenkind. Foto: Marcel Domeier

In einer Geburtsklinik sind viele Menschen beruflich häufig mit solchen Situationen konfrontiert. Wie können Sie Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Pflegende und medizinisches Fachpersonal seelsorglich unterstützen?

Da geht es häufig um Entlastungsgespräche, z.B. über die Arbeitsbelastung, über die Belastung in der Geburtsbegleitung von Paaren, die ihr Kind verloren haben. Ich biete an, die Gedanken gemeinsam zu strukturieren und eigene Gefühle wahr- und ernstzunehmen. Manchmal ist es auch einfach ein Gespräch im Treppenhaus, aus dem dann mehr wird. Und es gilt immer das Angebot, dass ich mir Zeit für ein verabredetes Gespräch nehme.

Welche Bedeutung haben Ihr Glaube und Ihre Rolle als christliche Seelsorgerin in alledem? 

Belastende Erfahrungen rund um die Geburt oder die Sorge um das zu früh oder krank geborene Kind können für den Moment die Zuversicht und das Vertrauen ins Leben infrage stellen. Der Tod eines Kindes gehört für die Eltern zu den schmerzvollsten Erfahrungen. Es braucht Zeit, zu begreifen und zu verstehen, was geschehen ist. Seelsorge ermöglicht die Suche nach Antworten sowie nach dem Sinn des Erlebten, die Suche nach Gott und der Kraft des eigenen Glaubens, die Suche nach Heilung, um das Schwere tragbar zu machen. Es kommen Fragen auf nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum.

Als Seelsorgerin biete ich allen Menschen Begleitung an, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und ihren Glaubensüberzeugungen. Mein Glaube und meine Rolle eröffnen manchmal auf besondere Weise Gelegenheiten, sich mit den eigenen Werten und der eigenen Sinnhaftigkeit auseinanderzusetzen. Zum Angebot der Seelsorge gehören aber auch Rituale wie Gebet, Segnung der Sternenkinder oder die Nottaufe. 

Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie das alles miterleben?

Es ist manchmal auch für mich herausfordernd. Manches lässt auch in mir etwas anschwingen. Dann kommen mir auch mal die Tränen. Aber das ist nicht schlimm: Ich bin ja auch getragen von meinem Glauben, von Gott, von Menschen um mich. Ich bin dann nicht haltlos. Es hilft, wahrzunehmen, dass das in Ordnung ist. So geht es auch Ärztinnen und Hebammen. Um in diesem Bereich für andere tätig sein zu können, müssen wir die Stärken und Ressourcen in uns kennen und nutzen.

Ihre Ansprechperson

Diakonin Petra Ziehe
Tel.: 0511 1292517
Foto: Petra Ziehe

Geburtskanal – ein Podcast von DIAKOVERE HENRIKE

Das Mutter-und-Kind-Zentrum DIAKOVERE HENRIKE hat eine Podcast-Reihe unter dem Titel „Geburtskanal“ entwickelt. Die aktuelle Folge widmet sich dem Thema „Leere Wiege“, das in einem Gespräch mit Seelsorgerin Petra Ziehe und einer Hebamme der Geburtsstation behandelt wird.

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